Der japanische Patient

Tierarzt Dr. Rudolf Busert behandelt unter anderem auch Koi.
Tierarzt Dr. Rudolf Busert behandelt unter anderem auch Koi.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Ob Tumor-OP oder Parasiten-Abstrich: Fachtierarzt Dr. Rudolf Busert (55) aus Oberlohberg behandelt unter anderem auch Koi und andere Zierfische.

Dinslaken..  „Viele Fischfreunde“, sagt Dr. Rudolf Busert, „die haben anfangs eine kleine Pfütze im Garten und bekommen dann zum Geburtstag ihren ersten Koi geschenkt.“ Klar, der macht was her, dieser Koi. Oder auch japanisch Nishikigoi - was soviel heißt wie Brokatkarpfen. Ein Prestige-Fisch, für den mancher etliche tausend Euro hinblättert.

Die Krux daran ist: Ist der Gartenteich zu klein oder zu flach, stimmen die Wasserwerte nicht oder lässt man den geselligen Fisch alleine schwimmen - dann wird er krank. Schnappt nach Luft, scheuert sich, bekommt einen Luftbauch. Oder er verendet schlicht, weil er nicht mehr frisst.

In solchem Fall ist der Fachtierarzt für Kleintiere gefragt. Seit der Übernahme seiner Praxis 1996 hat sich der 55-Jährige jede Menge Wissen über Koi angeeignet (die übrigens auch im Plural kein „s“ hinten haben). „Im Studium gab’s vielleicht vier Stunden über Fische, mit den Bienen zusammen“, erinnert sich der Experte. Und so verschlang er Fachliteratur, meist aus Amerika.

Wenn heute ein Koi-Besitzer mit einem Exemplar von 1,20 Metern Länge und einem Augen-Tumor zu ihm in die Praxis kommt, weiß der Oberlohberger genau, was zu tun ist. Er kann den Teichbewohner röntgen, ihn mit Ultraschall untersuchen oder legt ihn in Narkose.

Ist der Koi bewusstlos, kann man ihn für drei Minuten aus dem Wasser nehmen. In dieser Zeit behandelt der Tierarzt Wunden, macht einen Schleimhautabstrich auf Parasiten oder zieht dem Fisch Kieselsteinchen aus dem Maul. „Solche kleinen, dreieckigen Kiesel haben auf dem Teichboden nichts zu suchen“, stellt er klar. „Denn die nehmen Koi ins Maul und bekommen sie nicht wieder raus.“ Die Folge: Der Fisch verhungert.

Bisweilen muss er dem Patienten gar den Unterkiefer aufschneiden, um den Stein zu entfernen. Bei solchen und anderen Operationen, die länger dauern, benutzt der Mediziner eine eigens gebaute Narkosemaschine. Über Schläuche führt er Wasser, das mit Narkosemittel versetzt ist, in die Kiemen. Damit der Koi genug Sauerstoff bekommt.

Auf diese Weise kann der 55-Jährige auch Tumore entfernen. „Ich hätte dem Fisch mit der Geschwulst am Auge auch ein künstliches einsetzen können“, sagt er. Allerdings zeigen Erfahrungen, dass Koi nach einer Bauch-Tumor-OP nicht länger als drei Monate überleben. „Deswegen rate ich davon ab.“

Dennoch erstaunlich, was manch einer für seinen Koi auf sich nimmt. Sicher, der Wasser-Bewohner ist kein Hund, kein Pferd. Man kann ihn nicht ausführen, nicht auf ihm reiten - aber streicheln durchaus. Weil die Fische sehr zutraulich werden, „lieben Menschen ihre Koi“.

Deshalb setzt Rudolf Busert vor allem auf eines: Ursachenforschung. Oft fährt er vor oder nach seiner Kleintier-Sprechstunde zu den Besitzern raus und schaut sich die Teiche an. „Denn was nützt es, wenn ich dem Koi eine Spritze gebe - und dann kehrt der in sein Reich zurück und wird wieder krank?“

Während so genannte Euro-Koi hierzulande gezüchtet sind, stammen Japan-Koi aus dem gleichnamigen Land. „Viele Zierfische aus Asien werden auf Antibiotika gehalten“, erläutert Busert. Kommen die beim deutschen Endkunden an, müssen die sich mit neuen Keimen auseinandersetzen. „Das ist Stress hoch drei für die Tiere.“ Oder ein neuer Fisch landet ohne Quarantäne im Teich - und steckt andere an.

Oft grenzt das, was Busert tut, an Detektivarbeit. „Denn im Gegensatz zum Menschen sprechen meine Patienten nicht mit mir“, gibt der Tierarzt zu bedenken. So gab es schon Koi-Besitzer, die nachts aus Spargründen den Filter abstellten. Und so ihre Koi vom lebenswichtigen Sauerstoff abschnitten. „All dies bringen Sie nicht in Erfahrung, wenn Sie den Fisch nur in der Praxis sehen“, betont der Arzt, der auch andere Zierfische betreut.

Bald ist es wieder soweit. Wenn es warm wird im März, erwachen die Koi aus ihrer Winterruhe. „Dann kommen die nach oben - und die Besitzer erhalten die Quittung für ihre Fehler aus dem Vorjahr.“ Der Tierarzt rät seinen Kunden, sich lieber rechtzeitig von ihm beraten zu lassen. Am besten vor dem Teichbau.

Derzeit ist Busert auf der Suche nach Firmen im Raum Dinslaken, die Abwärme produzieren. Gern würde er die nutzen, um hochwertige Flusskrebse und Forellen zu züchten. „Das Unternehmen könnte sich so ökologisch profilieren.“