Der für England sprach

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Dinslaken..  Die Wortwahl ist wenig königlich. Der Herzog von York (Götz Otto) spuckt das englische F-Wort nur so aus sich heraus. Lionel Logue (Steffen Wink) zeigt sich davon allerdings gar nicht eingeschüchtert. Im Gegenteil, der Wortschwall des zu Wutausbrüchen neigenden Zweiten in der englischen Thronfolge beweist ihm die Richtigkeit seiner Methode.

Denn wenn Herzog Albert, oder „Bertie“, wie ihn seine Frau Elisabeth (Daniela Kiefer) und Lionel zu nennen pflegen, so fließend schimpfen kann, besteht die Chance, dass er auch bei kultivierteren Anlässen sein Stottern überwinden kann. Bei seinen Radioansprachen an das Volk zum Beispiel, der „King’s Speech“, der „Rede des Königs“. 2011 erhielt die Verfilmung der Geschichte über die Freundschaft von Georg VI. und seinem Sprachtherapeuten Lionel Logue vier Oscars, darunter den für Colin Firth als bester Hauptdarsteller. Mittwoch schlüpfte Götz Otto in der deutschen Version des Originalschauspiels von David Seidler in der Kathrin-Türks-Halle in die Rolle des stotternden Königs. Eine schauspielerische Glanzleistung.

Die Firma Windsor

Der 1,98-Meter-Hüne („James Bond - Der Morgen stirbt nie“, „Der Untergang“, „Cloud Atlas“, um nur einige Filme mit ihm zu nennen) spielt „Bertie“ als einen gehemmten Menschen, der seine Seele befreien muss, damit auch seine Worte in der Öffentlichkeit fließen können, sich aber zugleich seiner Rolle und großen Verantwortung als Mitglied der „Firma Windsor“ bewusst ist.

Mehr als sein Bruder Edward VIII. Er wird nicht nur aus Liebe zu Wallis Simpson auf den Thron verzichten. Seidler zeichnete ihn als emotional beeinflussbar und politisch gefährlich für rechtes Gedankengut empfänglich, die Inszenierung macht aus ihm einen Luftikus in Fliegerkleidung. Die Konstellation, die sich auf der Bühne daraus ergibt, ist offensichtlich: In diesem Königsdrama mit Happy End steht ein Bruderkonflikt. Erst wenn der vermeintlich Schwächere sich und seine Komplexe überwindet, wird er aus der Konstellation als rechtmäßiger Herrscher hervorgehen.

Von seiner Fähigkeit als Sprecher des Empires hängt nicht weniger als der Bestand der Monarchie ab. Die Hilfe, die Bertie braucht, findet er nicht in Bischof und Premier, sondern von einem einfachen Mann aus dem Volke. Ein Australier, ein Selfmade-Therapeut, dessen Spezialgebiet Weltkriegssoldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen sind, ein dilettantischer Schauspieler, der wohl der schlechteste Richard III. ist, den ein englisches Theater je abgelehnt hat.

Es menschelt also kräftig zwischen den beiden Männern und ihren so unterschiedlichen Frauen. Hier wiederum Elisabeth - die spätere Queen Mum, dort Lionels Frau Myrtle, eine einfache Verkäuferin. Die „Königs“ müssen also lernen, dass die wahren Freunde im Volk zu finden sind, so die Botschaft des amerikanischen Autors.

Dass „The King’s Speech“ nicht nur zu einem bewegenden Historiendrama mit urmenschlichen Konflikten, sondern zu einem vergnüglichen Stück Theater wird, ist vor allem dem agilen und wortgewandten Spiel von Götz Otto und Steffen Wink zu verdanken.

Jubel für die Hauptdarsteller und minutenlanger, rhythmischer Applaus für das ganze Ensemble.