Den Fluss hinauf und hinab

Dinslaken..  „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise...“ – Fernweh und Abenteuer, Seefahrerromantik, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel haben – der Beruf der Binnenschifferin steht nicht wirklich hoch auf der Ausbildungswunschliste der meisten Mädchen. Sie kennen ihn nicht einmal. Für Sinem Akgül und ihre Freundin Cansu Usta soll sich dies jetzt ändern, denn beide möchten sich gerne jenen Wind um die Nase wehen lassen, den Wellengang des Rheines spüren. Dass der Beruf des Binnenschiffers nicht nur pure Romantik ist, sondern auch viel Arbeit bedeuten kann, das haben sie am Donnerstag auf dem Schulschiff Rhein von Kapitän Klaus Ridderskamp erfahren. Doch vor dem Zupacken, der Arbeit, schrecken die beiden Lohberger Mädchen nicht zurück. Die eine arbeitet derzeit als Praktikantin beim Kinderschutzbund, wird dort mehr als geschätzt, die andere ist Kinderpflegerin ohne Jobaussichten.

„Warum nicht mal einen für uns bislang unbekannten Beruf ausprobieren“, sind sich beide Mädchen einig und baten um ein Praktikum an Bord eines Binnenschiffes. Und schon sieht Gilbert Kuczera, Projektleiter beim Kindschutzbund und Initiator der Schülerpersonalagentur, sein Ziel erreicht. Denn am Donnerstag waren Gilbert Kuczera und Yasemin Köksür, Gemeinwesenarbeit Lohberg, mit einer Gruppe Mädchen unterwegs, die einen von der Janusz-Korczak-Schule, die anderen aus dem Lohberger Stadtviertel. Mehrere Themen standen auf ihrem außerschulischen Stundenplan: die Besichtigung der Schäferei Stallmeister, ein Rundgang durch den Ruhrorter Hafen mit anschließendem Vortrag über „Mädchen im Handwerk – Rechte und Pflichten in der Ausbildung“, gehalten von Sabrina Jäger, Mitarbeiterin des DGB, und dem Besuch des Schulschiffes Rhein in Homberg.

100 Jungen und Mädchen erlernten derzeit den Beruf des Binnenschiffers auf dem Schulschiff, erfuhren die Mädchen von Kapitän Klaus Ridderskamp. Und alle von ihnen wüssten bereits jetzt, dass eine gute Anstellung auf sie warte. „Denn“, so Ridderskamp, „gut ausgebildete Besatzungen sind die Voraussetzung für die Binnenschifffahrt. Die deutsche Binnenschifffahrt hat sie, sie braucht aber ständig neue Leute.“ Voraussetzung für eine Ausbildung sei der Hauptschulabschluss, auch wenn die Zugangsqualifikation ständig steige.

Ridderskamp selber sei ein Quereinsteiger, eigentlich Tauchlehrer von Beruf habe er erst spät eine neue Herausforderung gesucht und seine Ausbildung zum Binnenschiffer absolviert, um wiederum Jahre später Chef des Schulschiffes zu werden. „Heute bin ich mehr Hotelier als Kapitän“, sagt er lachend. Zwei Standorte für die schulische Ausbildung (Blockunterricht) gibt es nur für die Binnenschifffahrt, die eine in Duisburg-Homberg, die andere in Schönebeck bei Magdeburg. Die praktische Ausbildung der Binnenschiffer erfolgt hingegen an Bord eines Ausbildungsschiffes.

Drei Jahre dauert die Ausbildung, danach stehen dem „Seemann“ alle Chancen offen, im Hafen oder auf dem Schiff. Wer nicht im Hafen arbeiten möchte, sondern auf dem Fluss sein Glück sucht, der strebt schnell nach dem Kapitänspatent. Jeder dritte Flussfahrer habe eine Schiffführer-Stelle inne, so Ridderskamp. Auch die Vergütung in der Ausbildung ließe sich sehen, von 850 Euro im ersten bis rund 1200 im dritten Ausbildungsjahr. Vom Verdienst als Schiffführer ganz zu schweigen.

Und die Arbeitszeit? Für Ridderskamp ist sie durchaus familienfreundlich. Auf dem eigenen Schiff reist die Familie gewöhnlich mit, ansonsten gebe es die 1:1 Regelung, zum Beispiel 14 Tage Dienst, 14 Tage frei, je nach Reederei, Schiffart oder Tour.

Sinem und ihre Freundin Cancu werden es ausprobieren.