Das Neujahrskonzert ist „volljährig“

Die Streicher der jungen Philharmonie Köln. Antem Komonov (2.v.l.) trat auch als Solist in Erscheinung.
Die Streicher der jungen Philharmonie Köln. Antem Komonov (2.v.l.) trat auch als Solist in Erscheinung.
Foto: FUNKE Foto Services
Seit 18 Jahren lädt die Volksbank Dinslaken zum Klassikabend mit der Jungen Philharmonie Köln.Die Ansprachen in diesem Jahr standen unter dem Eindruck der Terroranschläge in Paris.

Dinslaken..  Der „Tanz der Stunden“ ist vorbei, der „musikalische Spaß“ kann beginnen. Es ist Neujahrskonzert in der Kathrin-Türks-Halle und das Fest feiert sich selbst: Volljährigkeit! Zum 18. Mal lud die Volksbank Dinslaken zu spielerischer Walzerseligkeit und technischen Höchstleistungen mit der Jungen Philharmonie Köln unter der Leitung von Volker Hartung. Das Orchester selbst stimmte ein instrumentales „Happy Birthday!“ an.

Seit 1998 stehen dem unbeschwerten musikalischen Teil des Neujahrskonzerts aber auch der Rückblick auf das Vergangene und die Hoffnungen und Pläne für das Kommende entgegen. Am Freitag beherrschte die Gegenwart die Ansprachen. „Ich hoffe, dass Paris und Frankreich wieder das werden, was sie bis vorgestern waren“, so Dirigent Volker Hartung, dessen Familie in der französischen Hauptstadt lebt, mit Blick auf die Terroranschläge.

„Vielleicht haben Sie in den letzten Tagen auch gedacht, ‘Ich bin Charlie’“, fragte Helmut Böing, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Dinslaken. Er betonte, wie wichtig Werte seien, Werte, die Bürgermeister Dr. Michael Heidinger in einer engagierten Neujahrsansprache benannte: „Wir alle haben gespürt, dass dies ein Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit und damit auf die ganze friedliche Gesellschaft in Europa war“, erklärte er.

Und: „Der islamistische Terror darf nicht rechtsextreme Kräfte stärken.“ Heidinger erinnerte an die Verbundenheit Dinslakens zu den französischen Freunden in Agen, in diesem Jahr seit 40 Jahren Partnerstadt Dinslakens, ebenso wie an den Dinslakener Appell: „Wir geben den Extremisten keine Möglichkeit, uns zu entzweien.“

Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo war ein Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit, aber auch ein Anschlag auf das befreiende Lachen. In diesem Bewusstsein begann das Konzert, das gleich im zweiten Programmpunkt den Hornisten des Orchesters viel Selbstironie abverlangte. Für Mozarts KV 522 wurden sie wie wichtige Solisten neben das Dirigentenpult geholt. Nur: Die Solopassagen übernehmen Streicher. Was für die Hornisten bleibt, ist Blech: ein paar galoppierende Rhythmen auf einem Ton, ein paar scheußliche Misstöne, als hätten sie ihre Instrumente nicht im Griff. Und Pausen! So lang, dass die beiden jungen Herren die Zeit nutzten, mit ihren Smartphones die Kollegen zu fotografieren.

Bravorufe für die Solisten

An solche Eskapaden könnte man als Soloviolinist bei der Introduktion und dem Rondo capriccioso a-moll von Camille Saint-Saens nicht im Traum denken. Der blutjunge Artem Komonov riss das Publikum zu den ersten Bravorufen des Abends hin.

Fassungsloses Kopfschütteln bereitete der Moldawier Ion Malcoci mit seinen Interpretationen der Ungarischen Rhapsodie Nr. 2 von Franz Liszt und den Variationen über „Carnevale in Venezia“ nach Nicolo Paganini auf der Panflöte. Schon vom bloßen Hinsehen seiner Kopfbewegungen entlang der geschwungenen Reihe der kleinen Bambusrohre wurde einem ganz schwindelig. Das Publikum brach in rhythmischen Applaus aus, als erklänge schon der Radetzky-Marsch. Doch bis dahin ging es noch rund um die Welt mit Elgars gefühlvollem „Salut d’Amour“, mit Tango, Ragtime, der Stummfilm-Tonmalerei „Auf einem persischen Markt“, „Heinzelmännchens Wachparade“ und der „schönen blauen Donau“.

Das Konzert der Volksbank Dinslaken ist seit 18 Jahren gesellschaftlicher und kultureller Start ins neue Jahr in Dinslaken. Noch weiß man nicht, was die kommenden Monate bringen werden. Aber es ist sicher, was 2016 bringen wird: Das 19. Neujahrskonzert mit der Jungen Philharmonie Köln.