Das böse „N“-Wort

Dinslaken..  Er heißt Marius Jung, kommt aus Köln und macht Kabarett. Klar, was sonst, ‘ne rheinische Frohnatur, Kabarett und Humor, das können die Kölner. Oder ist das jetzt auch wieder so ein pauschales Vorurteil, dass alle Schwarzen singen können. Nun trifft ausgerechnet das alles auf den Kölner zu. Er bringt mit seinen Texten die Menschen zum Lachen und zum Nachdenken und er macht Musik. Er ist schwarz und er spricht darüber. Über zum Teil einfach nur befremdlich wirkende Erfahrungen, die er im Alltag machen muss, vor allem aber über eine verkrampfte political correctness, die glauben machen will, dass wenn ein Wort verschwindet, damit das Übel, für das es steht, ebenfalls bei der Wurzel gepackt sei. Am Samstag packte Marius Jung mit seinem Soloprogramm „Singen können die alle!“ das Dinslakener Kabarettpublikum im Dachstudio.

Es ist schon absurd. In einem Land, in dem angebliche Retter des christlichen Abendlandes Woche für Woche demonstrieren, „dass die Kernbotschaft christlicher Nächstenliebe bei ihnen so gar nicht angekommen ist“, so Jung, weigerten sich 97 Prozent der Buchhandlungen ein Buch mit dem Titel „Singen können die alle! - Ein Handbuch für Negerfreunde“ ins Programm zu nehmen. Dafür reagierte ein Studentinnenrat in Leipzig prompt: Er verlieh dem Macher des Machwerks mit dem bösen „N“-Wort den ersten Preis für die rassistischste Werbung des Jahres. Dass das Buch von Marius Jung stammt und damit Satire war, merkten weder Buchhändler noch Studentinnen. Ein Wort fiel, das tabu war, und damit waren die Scheuklappen gefallen. Der positive Effekt des Rassismusvorwurfs gegenüber der verkannten Satire war ein großes mediales Echo: die beste Werbung, die sich Jung vorstellen konnte.

Und es berührte zugleich eines der Kernanliegen des Kabarettisten: Sich mit seinem Publikum locker und unverkrampft über Berührungsängste zu unterhalten. Berechtigte Berührungsängste zum Beispiel, wie die Abscheu Jungs, dass ihm manchmal wildfremde Frauen durch die Haare wuscheln, als bräuchte man vor ihm keinen Respekt zu haben, nur weil er Locken hat. Wichtiger, als neue Begriffe zu erfinden, sei es doch, eher zu begreifen, dass die Hautfarbe im 21. Jahrhundert nicht mehr unbedingt etwas über Herkunft und Sprachkenntnisse aussagt, geschweige etwas über den ausgeübten Beruf.

Marius Jung spricht das Dinslakener Publikum direkt an, dies erweist sich als angenehm unverkrampft und schlagfertig. Nur beim Mitklatschen beim Blues bestätigt sich das Vorurteil des Weißen ohne Rhythmusgefühl. Egal, dieser Abend war ja auch dafür da, dass man gemeinsam über Klischees lachte.