Blauer Fluss statt „Köttelbecken“

Dinslaken/Emschergebiet..  Vor 115 Jahren, am 14. Dezember 1899, wurde die Emschergenossenschaft gegründet. Die Geburtsstunde von Deutschlands erstem Wasserwirtschaftsverband war eine Zwangsentscheidung. Um den Abwassermissstand in den Griff zu bekommen, baute die Emschergenossenschaft das Emscher-System von Grund auf um. Über Jahrzehnte gehörten die zu offenen Schmutzwasserläufen umgestalteten Gewässer der Emscher und ihrer Nebenflüsse zum Städtebild. Mittlerweile ist dieses Bild dabei, sich wieder zu verändern. Diesmal wird das Abwasser unter die Erde verbannt, aus den „Köttelbecken“ werden wieder blaue Flüsse.

Im Bochumer Ständehaus schlossen sich die damaligen Stadt- und Landkreise des Ruhrgebietes zur Emschergenossenschaft zusammenschlossen. Eine federführende Rolle bei der Gründung übernahm der Essener Oberbürgermeister Erich Zweigert, der sich das „Emscherregulierungsprojekt“ auf seine Fahnen schrieb. Repräsentanten der großen Bergwerksgesellschaften waren ebenfalls dabei. Heute noch ist der Bergbau größtes Einzelmitglied der Emschergenossenschaft. Dazu kommen weitere Unternehmen, die Abwässer in die Emscher einleiten.

Der Zusammenschluss geschah auf Geheiß des Staates, nachdem die Versuche der Städte, das „Emscher-Problem“ zu lösen, gescheitert waren. Das Problem sah wie folgt aus: Mit der Industrialisierung ließen sich zahlreiche Fabriken im Emschergebiet nieder, dazu kamen die Haushalte der drastisch gestiegenen Bevölkerung. Abwasserkanäle konnte man aufgrund des Kohleabbaus und der Bergsenkungen nicht bauen. Also wurde alles Schmutzwasser in die Emscher und ihre Nebenarme eingeleitet. Die Folgen: Ganze Stadtteile standen nahezu ständig unter Wasser, aufgrund der Fäkalien breiteten sich Krankheiten wie Typhus und Cholera aus. Lösungen mussten her. Also wurde der Abwasserverband nach dem Prinzip der Genossenschaft gegründet: Jeder bringt etwas ein, damit alle profitieren.

Die Emscher als Abwasserkanal

In den ersten Jahren galt es, die Abwassermassen in den Griff zu bekommen. Schließlich opferte man das Emscher-System und baute es zu einem Netz von Schmutzwasserläufen um: Die Gewässer wurden in ein Korsett aus Beton eingezwängt, Deiche errichtet und Pumpwerke gebaut, um die vom Bergbau verursachten Poldergebiete (abgesackte Stadtteile) zu überwinden. Um das Überleben des Ruhrgebietes zu sichern, ließ die Emscher sprichwörtlich ihr Leben.

Im Stadtgebiet von Dinslaken hatte der erste Emscher-Umbau erhebliche Folgen. Damit trotz bergbaubedingter Bergsenkungen das Gefälle in Richtung Rhein gewährleistet werden konnte, musste die Emschergenossenschaft die Mün-dung zweimal von Duisburg-Alsum aus nach Norden verlegen. 1906 wurde die Emscher von Alsum nach Walsum verlegt. Vom ursprünglichen Hauptlauf – heute „Alte Emscher“ genannt – spaltete sich eine neue, künstlich regulierte Flusstrasse ab, heute als „Kleine Emscher“ bekannt. In den 40er-Jahren musste die Emscher erneut wegen Bergsenkungen verlegt werden. Seit 1949 mündet der Hauptlauf in Dinslaken in den Rhein.

Veränderung für Dinslaken

Mittlerweile haben sich die Randbedingungen geändert. Seit keine Bergsenkungen mehr zu befürchten sind, können auch unterirdische Abwasserkanäle gebaut werden. Seit 1992 plant und setzt die Emschergenossenschaft den Umbau um. Jedes Gewässer erhält ein unterirdisches Pendant, durch das die Abwässer zu den Kläranlagen abgeleitet werden. Die oberirdischen Bäche sind abwasserfrei und können naturnah umgebaut werden: Die Betonsohlschalen werden entfernt. Dort, wo der Platz es zulässt, erhalten die begradigten Flüsse wieder einen kurvenreicheren Verlauf.

Und auch dieses Mal bringt der Emscher-Umbau Veränderungen für das Stadtbild von Dinslaken mit sich. Denn: Eine dritte Verlegung ist bereits im Gange. Zurzeit mündet die Emscher in Dinslaken „Am Stapp“ über ein großes Absturzbauwerk in den Rhein. Dies schafft eine ökologische Barriere, die verhindert, dass Fische und andere Lebewesen aus dem Rhein in die Emscher gelangen. Zukünftig wird sich die Emscher rund 700 Meter weiter nördlich in eine über 20 Hektar große Auenlandschaft ausbreiten, die einen natürlicheren Austausch der Fische zwischen Emscher und Rhein ermöglicht. Auch wird durch die erneute Verlegung der Emschermündung eine neue Retentionsfläche für den Rhein geschaffen, der so bei Hochwasser entlastet wird.

2014 hat der Bau der neuen Emschermündung begonnen, er wird in den kommenden vier bis sechs Jahren abgeschlossen werden. Parallel dazu läuft die Anpassungsmaßnahme am Klärwerk Emschermündung an der Turmstraße, denn die Anlage muss ebenfalls fit gemacht werden für das künftige Emscher-System.