Alles andere als grau

Dinslaken..  Es gibt eine durchaus ironische Tradition, Orchestermusikern den tatsächlichen oder vermeintlichen Charakter ihrer Instrumente zuzuschreiben; schon allein, um Witze über die einzelnen Gruppen zu reißen. In diesem Kontext muss man wohl den Wikipedia-Eintrag sehen, den Rudi Meyer zu Beginn des Orgelkonzertes in St. Vincentius am Sonntag zitierte. Da wurde der Fagottist als solcher als ein gutmütiger Herr bezeichnet, der unter seinesgleichen durchaus humorvoll sein kann, ansonsten aber dazu neigt, grau zu sein und im Alter noch grauer zu werden. Eine typische Zuschreibung zu einem Instrument, dem im Ensemblespiel Bassfunktion zukommt.

Unter den Holzblasinstrumenten ist das Fagott das erdende Element mit der Bodenhaftung. Sind die Flöten aus den Ästen, die hoch oben weiter in den Himmel tönen, ist das Fagott sozusagen aus dem Holz geschnitzt, aus dem die Wurzeln sind. Aber Vorsicht: Vieles, was in Musikerkreisen so kursiert, sind einfach üble Musikerklischees. Und mit einigen räumte das Konzert am Sonntag auf. Schon optisch. Dorit Isselhorst, die auf der Orgelempore an der Seite von Organist Ludger Höffkes Fagott spielte, ist nämlich keineswegs grau, sondern eine echte Blondine. Und zudem Flötistin. Keine Unbekannte in Dinslaken, die gebürtige Wienerin lehrt an der Dinslakener Musikschule. Wenn Dorit Isselhorst das Fagott spielt, beginnt das „gutmütige“ Instrument zu tanzen. Ein wenig knarzend, aber durchaus so behände wie jedes andere Soloinstrument auch. Und die Klangfarbe ist alles andere als grau. Das wusste Antonio Vivaldi ebenso wie Mozart. Beide schrieben für die Kombination Fagott und Orgel.

Weich und präzise

Bei beiden übernimmt die Orgel auch eine rein begleitende Funktion für das Soloinstrument. Beide Instrumente vermischen sich, gehen ineinander auf, auch wenn Ludger Höffkes bewusst Register ohne schnarrenden Klang wählt. Dorit Isselhorst spielt weich und präzise, Stärken, die besonders in den schnellen Allegri bedeutsam sind.

Richtig zur Geltung kommen Fülle und klanglicher Reiz des Fagottes in „Du meine Seele singe“ op. 155 von Bernhard Krol (1920 – 2013). Orgel und Fagott stehen sich als gleichberechtigte Partner gegenüber, treten in einen musikalischen Dialog. Die Emanzipation der Orgel von der rein begleitenden Funktion kommt dem Soloinstrument entgegen: Das Fagott erhält mehr Freiraum, um seinen Klang zu entfalten. Es spielt sich nach oben wie nach unten frei. Seine lyrische Schönheit weckte bereits Camille Saint-Saens (1835 – 1921) mit den zwei Romanzen für Fagott und Orgel, mit denen das Duo das Konzert beendete.

Einmal im Jahr empfängt die Orgel von St. Vincentius einen musikalischen Gast in ihrer Reihe. Aber natürlich erklingt sie auch bei diesem Konzert solo. In Walthers Orgelbearbeitung eines „Concerto del Sgr. Albinoni“ brachte Luder Höffkes ihren brillanten, strahlenden Klang zur Geltung.

Mit Mozarts KV 616 kehrte er gar die industrielle Ersetzung des Menschen durch die Maschine um: Mozart schrieb das kleine Werk für eine zu seiner Zeit populäre Orgelwalze. Für einen Musiker ein technisches Kabinettstück, das hohe Fingerfertigkeit ebenso abverlangt wie die Gratwanderung, den „mechanischen“ Charakter, den Mozart in seine Komposition legte, mit Ausdruck zu interpretieren.

Dafür gab es, wie nach jedem Stück bei diesem Konzert, Zwischenapplaus vom Publikum.