Zigarre hat nicht nur den Krieg überstanden

Die 75 Jahre alte Zigarre wird gut verwahrt.
Die 75 Jahre alte Zigarre wird gut verwahrt.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Eine alte Zigarre und gute Freundschaft verbindet eine Familien aus dem westfälischen Siedlinghausen und eine aus dem hessischen Welleringhausen.

Siedlinghausen/Welleringhausen..  Januar 1940. Fritz Lütteken aus Siedlinghausen stattet seinem Freund Friedrich Bangert in Welleringhausen einen Besuch ab. Als verspätetes Weihnachtsgeschenk bringt er eine dicke Zigarre mit. Die Männer beschließen, sie erst zu rauchen, wenn der Krieg vorbei ist...

Januar 2015. 75 Jahre sind ins Land gegangen. Schreinermeister Friedrich Behlen - er ist der Enkel von Friedrich Bangert - hat Lüttekens aus Siedlinghausen zur gemütlichen Kaffeestunde in den kleinsten Upländer Ortsteil eingeladen.

Geschäftsbeziehungen

Seit mehr als 100 Jahren pflegen die Welleringhäuser Schreinerei und das westfälische Unternehmen, das mit Eisenwaren, Beschlägen und Werkzeugen handelt, geschäftliche Kontakte. Genau so alt ist die Freundschaft zwischen den Familien.

Beim Plausch in dieser Woche steht die Zigarre im Mittelpunkt. Ja, sie existiert tatsächlich noch: mit schmucker rot-goldener Banderole, vor Jahrzehnten schon mitsamt einem schützenden Wattebausch sorgfältig in ein Reagenzglas eingebettet und luftdicht verkorkt. „Als ich 20 war, wollte ich sie mal rauchen“, erinnert sich Friedrich Behlen. Das Vorhaben scheiterte damals am energischen Einspruch seiner Mutter Anneliese, geborene Bangert (1931 - 2003). Inzwischen ist Friedrich Behlen 55 Jahre alt und hütet das gute Stück wie seinen Augapfel. Ob der Tabak wohl noch duftet? Man könnte den Korken ja vielleicht mal rausziehen und schnuppern? „Lieber nicht“, sagt der Schreinermeister. Seine Befürchtung: „Die Zigarre würde bestimmt zerbröseln.“

Keine Konfessionsgrenzen

Die Welleringhäuser Schreinerei besteht seit 1891, der Siedlinghäuser Eisenwarenhandel seit 1902. Die weit über die Geschäftsbeziehung hinausgehenden Verbindung der beiden Familien führte dazu, dass Fritz Lütteken - er lebte von 1903 bis 1961 - Patenonkel von Friedrich Behlens Mutter Anneliese wurde. Und das war im Jahr 1931 sicherlich etwas ganz Besonderes. Schließlich war der Westfale katholisch und sein Waldecker Patenkind evangelisch.

Zurück zur Zigarre. Es ist überliefert, dass Friedrich Bangert das Geschenk seines Freundes im Zweiten Weltkrieg stets bei sich hatte, es also beispielsweise mit nach Frankreich nahm. Warum die Zigarre später nicht geraucht wurde, sondern in Welleringhausen im Schreibtisch verschwand, ist nicht bekannt.

Freundschaft

Friedrich Bangert starb 1951, Fritz Lütteken 1961. Die nachfolgenden Generationen handeln heute noch gelegentlich nach der alten Weisheit, dass kleine Geschenke die Freundschaft erhalten. Als Friedrich Behlen kürzlich nach Siedlinghausen fuhr, um Türdrücker zu kaufen, nahm er eine rote Upländer Wurst mit. Lüttekens revanchierten sich mit einem leckeren Christstollen. Zum Glück gab es im Gegensatz zum Kriegsjahr 1940 diesmal keine Veranlassung, die köstlichen Präsente für später aufzubewahren. Es hat alles vorzüglich geschmeckt..

Die Welleringhäuser pflegen übrigens auf vielfältige Weise gutnachbarschaftliche Beziehungen nach Westfalen. Schließlich ist das Dorf nur 300 Meter von der Landesgrenze entfernt. So sind von den sieben Mitarbeitern der Schreinerei vier in Düdinghausen, Referinghausen und Winterberg zu Hause.

Friedrich Behlen und sein Vater Ludwig sind Mitglieder im Düdinghäuser Schützenverein. Die westfälischen Karnevalisten kommen am Faschingsdienstag gern nach Welleringhausen zum Eierbacken.

Und der Musikverein Düdinghausen spielt immer mal wieder jenseits der Grenze auf, die schon sehr lange kein trennendes Element mehr ist.