Ziel: „Familien in Krisensituationen stärken“

Die Jugendämter setzen sich dafür ein, dass das Leben eines Kindes nicht von Gewalt oder anderen Übergriffen überschattet wird.
Die Jugendämter setzen sich dafür ein, dass das Leben eines Kindes nicht von Gewalt oder anderen Übergriffen überschattet wird.
Foto: dpa

Altkreis..  Gewalt, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch – Kinder und Jugendliche vor solchen Situationen zu schützen, das ist Aufgabe des Kreisjugendamtes mit seinen Außenstellen in den einzelnen Städten. Damit dies möglichst gut gelingt, ist es wichtig, dass es ein breites und dichtes Netzwerk gibt, das gemeinsam zum Schutz des Kindeswohls aktiv wird, erklärt Jugendamtsleiter Bernd Wagner. Gleichzeitig appelliert er aber auch an jeden einzelnen Bürger, genau hinzusehen, wenn irgendwo das Kindeswohl in Gefahr ist.

Die Bildung und Stärkung von Netzwerken war auch Thema einer Fachtagung, zu der das Kreisjugendamt eingeladen hatte. Warum sind funktionierende Netzwerke gerade im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes so wichtig?

Bernd Wagner: Das Kinder- und Jugendschutzgesetz aus dem Jahr 2012 gibt uns den Auftrag zur Gründung von Netzwerken. Ziel ist es, dass alle möglichen Stellen und Fachkräfte, die mit dem Kinder- und Jugendschutz zu tun haben, voneinander wissen, zusammengeführt werden und gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Brilon hat hier schon vor einigen Jahren als Modell-Kommune im HSK sehr viele positive Erfahrungen bei der Netzwerkbildung gesammelt. Inzwischen arbeitet auch Olsberg aktiv daran, alle Institutionen, die mit dem Thema zu tun haben, zusammenzubringen. Nach und nach sollen diese Kooperationen auch in den anderen Städten im ganzen HSK gebildet werden. Ein Schritt auf diesem Weg war die Fachtagung, an der mehr als 120 Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen teilgenommen haben; angefangen von Hebammen über Vertreter von Kita-Einrichtungen, Schulleitungen, Polizei, Beratungsstellen, Mitarbeitern von Jugendhilfe-Einrichtungen bis hin zu Vertretern von Jugend- und Gesundheitsamt. Wichtig ist uns aber auch, dass jeder einzelne Bürger sich verantwortlich fühlt, wenn es um das Kindeswohl in seinem Umfeld geht.

Wie kann das konkret aussehen?

In allen Städten und Gemeinden gibt es Außenstellen des Jugendamtes, die als Anlaufstellen dienen. Dort wird jede Sorge und jeder Hinweis sehr ernst genommen und geprüft. Es ist besser, einmal umsonst anzurufen als zu spät oder gar nicht. Eine Meldung kann auch anonym erfolgen. Dabei geht es nicht darum, jemanden anzuschwärzen, damit das „böse Jugendamt“ kommt, sondern darum, auf Probleme hinzuweisen, damit in den betroffenen Familien nach einer Lösung gesucht werden kann. Unser Ziel ist es, möglichst präventiv tätig zu werden, Familien in Krisensituationen zu stabilisieren und Hilfe anzubieten. Und da sind die Bürger mit in der Verantwortung.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Hinweis auf Kindeswohlgefährdung bekommen?

Bei uns gibt es einen Spezialdienst Kinderschutz, der alle Meldungen, also zum Beispiel von Nachbarn, Schulen, Kitas oder anderen Einrichtungen, bearbeitet. Dabei kann es sich um ganz unterschiedliche Gefährdungen handeln, wie körperliche Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Alkoholprobleme der Eltern, verdreckte und vermüllte Wohnungen oder Fälle von Vernachlässigung.

Es gibt ein festgelegtes, standardisiertes Verfahren, aus dem sich dann für alle Mitarbeiter ein verpflichtendes Vorgehen ergibt. Abhängig von der Brisanz und Dringlichkeit des einzelnen Falls kann das von der Einladung der Eltern zu einem Gespräch bis hin zum Hausbesuch mit zwei Fachkräften und im akuten Notfall der sofortigen Herausnahme des Kindes aus der Familie reichen. Doch in vielen Fällen stellt sich auch heraus, dass kein Gefährdungspotential vorliegt.

Gibt es Zahlen dazu?

Im Jahr 2014 gab es insgesamt 125 Meldungen. In 35 Prozent der Fälle hat sich herausgestellt, dass keine Gefährdung vorlag. Sechs Kinder wurden in Obhut genommen. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie dauerhaft aus der Familie herausgenommen werden, sondern es wird nach Lösungen gesucht, um die Familien wieder so zu stabilisieren, dass das Kind wieder zurück kann.