Zeitreise bis zu den Tagen Gutenbergs

In der Historischen Bibliothek des Hauses Hövener: links Museumsleiter Jens Meyer, rechts Carsten Schlömer, wissenschaftlicher Mitarbeiter
In der Historischen Bibliothek des Hauses Hövener: links Museumsleiter Jens Meyer, rechts Carsten Schlömer, wissenschaftlicher Mitarbeiter
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Historische Bibliothek im Haus Hövener präsentiert Fundus des Minoriten-Klosters. Ältestes Werk aus 1527.

Brilon..  Als Jens Meyer und Carsten Schlömer den mächtigen, in Schweinsleder gebundenen Wälzer für ein Foto in die Kamera halten sollen, ziehen sie sich erst einmal dünne, weiße Stoffhandschuhe an. Für den Leiter des Museums Haus Hövener und dessen Wissenschaftlichen Mitarbeiter eine unverzichtbare Vorsichtsmaßnahme in diesem klimatisierten und mit spezieller Fensterfolie vor schädlichen UV-Strahlen geschütztem Raum. Wir befinden uns in der Historischen Bibliothek im Haus Hövener.

Rundum und raumhoch verschlossen hinter Glas sind sie einsortiert, die rund 5000 bibliographischen Kostbarkeiten der Stadt. Es handelt sich dabei um die Sammlung des 1655 gegründeten Minoriten-Klosters und Gymnasiums. Jahrzehnte lagerte der Bestand im Schutzbunker des Gymnasiums Petrinum an der Jakobuslinde.

Anlass und Qualifikation erforderlich

Jetzt bildet die „Historische Gymnasial- und Musealbibliothek“ eine eigene Abteilung im Haus Hövener. Sie kann zwar von jedermann besichtigt und bestaunt, aber nicht benutzt werden. Dafür sind, so Museumsleiter Jens Meyer, ein begründeter Anlass und eine persönliche Qualifikation erforderlich. Es sind bereits Hochschulen auf den wissenschaftlichen Wert dieser Sammlung aufmerksam geworden.

Rund zehn Monate haben sich Jens Meyer und Carsten Schlömer mit dem literarischen Konvolut beschäftigt. Die ältesten Schrift-Fragemente reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Ältestes komplett erhaltenes Werk ist eine Bibel aus der Druckerwerkstatt von Jacob Marechal (Lyon) aus dem Jahr 1527. Sie ist, wie rund 90 Prozent des Bestandes in Latein gehalten.

Lutheranische Hetzschrift

Bei der Inventarisierung hat Carsten Schlömer eine überraschende Entdeckung gemacht. Denn das älteste Werk in deutscher Sprache ist nicht der „Teutsche Michel“, eine Predigtsammlung aus dem Jahr 1708, sondern eine in Jena verfasste lutheranische Hetzschrift gegen die neuen protestantischen Strömungen im Raum Wittenberg von 1571. Schaudern lassen eine kleine, in Holz eingebundene, abgenutzte Handschrift mit Anleitungen zum Exorzismus ebenso wie die Aufzeichnungen über Hexenprozesse.

Neben kirchlichen und philosophischen Werken enthält die Historische Bibliothek auch einen umfangreichen und für die Regional- und Heimatgeschichte relevanten Fundus.

Etliche der historischen Bände sind bereits im Lauf der Jahre aufgearbeitet und neu gebunden worden. Zug um Zug, so Carsten Schlömer, sollen die Bestände digitalisiert werden - dank eines Sponsors, der dafür dem Stadtmuseum einen speziellen Scanner zur Verfügung stellt: „Das ist noch Arbeit für mehrere Jahre.“