„Wildwuchs droht an der Ländergrenze“

Windkraftanlagen schauen, wie hier bei Marsberg, aus den Wolken.
Windkraftanlagen schauen, wie hier bei Marsberg, aus den Wolken.
Foto: www.blossey.eu

Marsberg/Diemelstadt..  „Von privilegierten Einzelvorhaben (1995) über Windvorranggebieten im Flächennutzungsplan mit Ausschlusswirkung (Neudorf und Meerhof, 2000) bis hin zu substanziellen Raum für Windenergie heute zwischen sechs Prozent in Diemelstadt und zehn Prozent in Marsberg hat sich die Diskussion um die Energiewende mit den Jahren seit 1995 verändert“, sagt Elmar Schröder, Bürgermeister der hessischen Nachbargemeinde Diemelstadt.

Schröder lebt mit seiner Familie in Erlinghausen. 25 Jahre war er kommunalpolitisch in der Stadt Marsberg aktiv, war Fraktionsvorsitzender der CDU im Rat und Planungsausschussvorsitzender. Das Thema Windkraft kennt er seit zwei Jahrzehnten auf beiden Länderseiten.

Auf der hessischen Seite der Landesgrenze ziehen sich hinter Erlinghausen Richtung Neudorf (Diemelstadt) zwölf und Kohlgrund (Bad Arolsen) zehn Windkraftanlagen, Udorf/Massenhausen sechs. Zwei Windräder der ersten Generation stehen in der Erlinghauser Flur. Insgesamt also 30 Anlagen.

Jetzt will die Stadt Marsberg den Flächennutzungsplan ändern, um, wie berichtet, der Windkraft substanziell Raum zu geben, wie vom Land gefordert, und weil es Bauanträge von elf weiteren Anlagen diesseits der Landesgrenze gibt. Die WP sprach mit Bürgermeister Elmar Schröder.

Frage: Und dann gibt es ja auch noch die Regionalpläne der Bezirksregierungen. Da kann man schon mal die Übersicht verlieren?

Elmar Schröder: Ich glaube, viele verlieren derzeit den Überblick über die zahlreichen Verfahren zu den Regionalplänen, dem Flächennutzungsplan sowie den projektbezogenen Bauanträgen. Die Fristen zur Bürgerbeteiligung überlagern sich und Wildwuchs droht der Region an der Landesgrenze. So finden selbst die Befürworter von Windkraft im Diemelstädter Parlament heute kritische Töne und treten auf die Bremse. Ein ähnliches Bild zeigt sich in gut besuchten öffentlichen Ortsbeiratssitzungen. Zum Glück wird sehr sachlich diskutiert, steht doch der Konflikt zwischen finanzieller Wertschöpfung durch dezentrale Energiegewinnung einer gravierenden Beeinträchtigung des Landschaftsbildes mit weiteren Belastungen scheinbar unlösbar gegenüber.

Wie stehen Sie zu den Regionalplänen und einzelnen Bauanträgen für Windenergieanlagen?

Dass die Regionalpläne zu spät Rechtskraft erlangen und wahrscheinlich sofort beklagt werden, sehe ich ebenso kritisch wie einzelfallbezogene Bauanträge, die keine Gesamtbetrachtung unseres Lebensraumes beinhalten. Daher hoffe ich, dass die Stadt Marsberg in Abstimmung mit ihren Bürgern im Rat den Flächennutzungsplan zur Rechtskraft führt. Dabei ist die Region als Ganzes zu sehen, unabhängig von Ländergrenzen, die in der Landschaft niemand sieht.

Sie sagen, dass sich seit der großen Informationsveranstaltung im September 2013 in Hesperinghausen die Themen verändert haben. Inwieweit?

Schlagschatten, Lärm oder ein generelles Veto treten in den Hintergrund, Hauptthemen sind heute Abstände, Umzingelung, Arten- und Landschaftsschutz und „begutachtete“ Vorstörungen. Bei den Abständen zur Bebauung ist mittlerweile aus Lärmschutzgründen in Hessen ein Mindestabstand von 1000 Metern vorgeschrieben. Auch auf westfälischer Seite wäre eine Unterschreitung der 1000 Meter bei Windparks schwer begründbar, kann man die Willensbildung eines Ortes für einen geringeren Abstand schwer nachweisen und wird von den Bürgern eher mehr gefordert. In Hessen geht man von einer Umzingelung aus, wenn eine Ortslage in einem 5-km-Radius mit mehr als 120 Grad von Windflächen umgeben ist. Die 120 Grad werden auch in zahlreichen anderen Bundesländern angehalten und ergeben sich aus dem Sichtfeld eines Menschen, der ein Drittel eines Vollkreises visuell wahrnehmen kann. Erlinghausen überschreitet bereits heute mit 130 Grad mit den bestehenden 30 Anlagen diesen Wert und könnte mit den geplanten elf Anlagen auf eine 180-Grad-Umfassung der Ortslage kommen. Allerdings gibt es in Westfalen hierzu derzeit noch keine Regelung, die allerdings im Verfahren zu diskutieren ist.

Den Artenschutz finden viele Bürger auch nicht genügend berücksichtigt?

In Bezug auf den Artenschutz ärgern sich die Naturschützer, dass der beauftragte Gutachter der elf Anlagen Horst-Standorte nicht anerkennt und die Rotmilan-Beobachtungen von anderen Vogelkundlern abweichen. Im Jahr 2000 wurde der Bereich von Westheim bis Kohlgrund im Landschaftsrahmenplan Nordhessen noch mit großer Bedeutung für Arten- und Biotopschutz ausgewiesen. In Verbindung mit dem Avifauna-Gutachten von hessischer Seite mit zwei Rotmilan-Horsten wird auch hier eine Abstimmung der Fachbehörden erforderlich sein, damit nach Schlagopfern nicht per Gericht Windräder abgestellt werden müssen.

Worüber ärgern sich die Bürger in den Versammlungen besonders?

Die Verärgerung spitzt sich in den Diskussionen zu, wenn in den Bauanträgen die 50 Meter hohen Gitter-Hochspannungsmasten als „massiv wirkend“ und die 200 Meter hohen Windmasten als „grazil“ bezeichnet werden und die Anordnung der Anlagen aufgrund der enormen Größe eine „lockere Streuung“ ergeben. Gleichzeitig schreibt der Gutachter, dass die Vorbelastungen der bestehenden Windräder die Landschaft „technisch überzeichnen“ und die „visuelle Beeinträchtigung und Verschattung zu einer beträchtlichen Raumwirkung“ und „die Rotoren zu Unruhe im Landschaftsraum“ führen. Wenn in diesem Zusammenhang der Erholungsraum trotz zahlreicher Spaziergänger, Jogger, Reiter und Radfahrer als wenig frequentiert definiert und lediglich durch Informationsveranstaltungen der Windbauern touristisch aufgewertet wird, kippt die sachliche Diskussionsebene. Fazit: Eine zusätzliche Belastung durch weitere Anlagen wird von einer deutlichen Mehrheit abgelehnt. Es wurde ja schon substanzieller Raum geschaffen.

Was wird die Stadt Diemelstadt tun?

Wir werden ablehnende Stellungnahmen zu den Bauanträgen abgeben und uns danach konstruktiv am Flächennutzungsplan der Stadt Marsberg beteiligen, zum Wohle unserer Region.

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