Wenn das Wild am Stadt-Vermögen knabbert

Foto: Oliver Mengedoht / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Im Hallenberger Stadtwald gibt es erhebliche Verbiss- und Schälschäden durch Wild. Ein Grund dafür ist der zu große Rotwild-Bestand. Für die Stadt wurde nun eine Jagdstrategie erarbeitet, die am Mittwochabend im Stadtrat vorgestellt wird.

Hallenberg.. Wer im Wald zur Jagd geht, der braucht eine Strategie. Halali! Aber auch wer ein harmonisches Zusammenspiel von wirtschaftlicher, jagdlicher und touristischer Nutzung des Waldes anstrebt, muss sich an einen runden Tisch setzen und Interessen abwägen. Genau das haben Jäger, Pächter, Forstfachleute, Stadt und Touristiker in Hallenberg zwei Jahre lang getan. Sie haben eine Jagdstrategie erarbeitet. Dass so etwas in einem Stadtrat aufs Tapet kommt, ist relativ ungewöhnlich. Am Mittwochabend wird das Papier im Rat vorgestellt. Es soll bei künftigen Jagdverpachtungen eine Art Leitfaden sein.

Gefahr fürs Vermögen der Stadt

Hintergrund für die Jagd nach Strategien: Es gibt erhebliche Verbiss- und Schälschäden durch Wild im Hallenberger Stadtwald. Die sind so gravierend, dass sie sogar auf Dauer Auswirkungen auf die Absatzfähigkeit des Holzes haben könnten. Und damit stellen sie nicht zuletzt auch eine Gefahr für das Vermögen der Stadt dar. Mehrere Gründe für das Entstehen der Schäden führen die Fachleute ins Feld.

Struktur des Waldes und ein zu hoher Wildbestand sind zwei Gründe für das Problem. Letzterer hat wiederum seine Ursache darin, dass die Abschussquote beim Rotwild in den vergangenen Jahren weit unter der Freigabe lag. Ein generell erhöhter Jagddruck kann das Problem aber offenbar auch nicht lösen. Denn der führt dazu, dass das Wild in der Deckung bleibt. Das heißt, es geht nicht auf die Freiflächen zum Äsen, sondern knabbert munter auf Nummer Sicher an den Bäumen in der Dickung und richtet Schaden an. Außerdem ist das mit dem Jagen ohnehin manchmal eine Crux. Und eine waidgerechte Bewirtschaftung lässt sich nicht zwingend an der Anzahl der Trophäen ausmachen.

Dass das Rotwild lieber am Baum knabbert, statt auf die Weise zu gehen, kann auch passieren, wenn Urlauber die ausgewiesenen Wanderwege verlassen, und dann unterwegs sind, wenn bei Rehs und Hirschens gerade mal wieder Essenszeit angesagt ist. Das passiert beim Wiederkäuer übrigens alle zwei Stunden.

Forstdirektor Frank-Ulrich Cramer vom Regionalforstamt Oberes Sauerland berät die Stadt seit einigen Jahren in forstlichen Fragen. Er wird dem Stadtrat Mittwochabend die Eckpunkte der Jagdstrategie erläutern. Sein Credo: „Letztlich muss es aber darum gehen, dass der Lebensraum des Wildes nicht durch das Wild aufgefressen wird.“ Ein Vorschlag ist z.B. die Intervall-Bejagung: „Das bedeutet, ich suche mir zur Bejagung bestimmte Schwerpunkte im Jahresverlauf heraus – zum Beispiel den Mai oder den August - wenn das Wild ohnehin eine höhere Aktivitätsphase hat.“ Ein weiterer Vorschlag ist eine „Schwerpunkt-Bejagung“. Das heißt: Der Jäger sucht gezielt z.B. die neu bewirtschafteten Kyrill-Flächen aus, wo vermehrt Verbissschäden aufgetreten sind oder auftreten können.

Ein Schrank mit vielen Schubladen

Auch bei der Fütterung sieht der Fachmann Handlungsbedarf. Vorgeschlagen wird eine sogenannte Erhaltungsfütterung. „Das bedeutet, dass das Wild im Winter, wenn ohnehin ein Nahrungsengpass herrscht, keine Rüben bekommt, sondern höchstens Heu.“

Grundsätzlich wird von forstlicher Seite vorgeschlagen, das natürliche Nahrungsangebot im Herbst und Winter zu verbessern. Das könnte dadurch passieren, dass in dichten Baumbeständen das Kronendach aufgelockert wird. Oben also Luft geschaffen wird, damit unten Neues nachwachsen kann. Generell sollte der Waldbau von sekundären Fichtenreihenbeständen auf standortgemäße Mischwälder umgestellt werden. Cramer: „Die Vorschlagsliste ist wie ein Schrank mit vielen Schubladen: Die Ideen müssen für jedes Revier angepasst werden.“

Daher ist die Jagdstrategie auch kein Papier, das zu den Akten gelegt wird, sondern vermutlich im ständigen Dialog aller Beteiligten neu gelebt werden muss.