Wald und Wild oder Wald vor Wild?
23.03.2011 | 17:17 Uhr 2011-03-23T17:17:00+0100
Brilon.(hjh) Zum Zerreißen gespannt ist derzeit das Verhältnis zwischen der Briloner Jägerschaft und der Stadt. In der Hegeringsversammlung in Hoppecke kam es am Wochenende zum - so Ulrich Heitzig vom Hegering - „offenen Schlagabtausch“. Es geht, natürlich, um Wald und Wild.
Heftigste Schmähungen und Buhrufe prasselten in der Versammlung Forstdirektor Dr. Gerrit Bub entgegen. Für die Grünröcke ist Dr. Bub spätestens jetzt, wo er für die städtischen Reviere im Süden der Stadt mit „Polizeijagden“ (Heitzig) gedroht habe, ein rotes Tuch. In der Region von Hammerkopf, Dreis und Hoher Eimberg habe Dr. Bub die Revierpächter mit Rückendeckung aus dem Landwirtschafts- und Forstministerium in Düsseldorf zum „Totalabschuss“ (Heitzig) des Rotwildbestandes aufgefordert. Diese Reviere liegen außerhalb der festgelegten Rotwild-Bewirtschaftsungsbezirke, die sich überwiegend im nördlichen Stadtbereich befinden.
Im Briloner Süden hatte Kyrill besonders stark zugeschlagen. Entsprechen hoch war dort die Wiederaufforstung. Dort liege, so Dr. Bub, der Wildverbiss bei 83 Euro pro Hektar Fichtenfläche. Ein derartiger Schaden sei „nicht hinnehmbar“.
Nachdem in Folge der Kyrill-Verwüstungen beispielsweise schon der Pächter des kahlgefegten Bilsteins aus dem Vertrag ausgestiegen ist, steht nun - allerdings aus persönlichen Gründen - die Rückgabe des an einen auswärtigen Pächter vergebenen Dreis-Revieres im Raum. Die angrenzenden Pächter befürchten ähnliche Folgen wie am Bilstein. Dort hat der Rat acht Pirschbezirke eingerichtet. Sie sind zwischen 23 und 86 Hektar groß und zum Einheitspreis von 22 Euro pro Hektar jeweils für ein Jagdjahr zu erwerben.
Das erste Jagdjahr läuft jetzt zum Monatsende aus. Sechs Pächter haben ihren Vertrag verlängert, zwei machten nicht weiter. Für sie rückten Interessenten von der Warteliste nach.
Auch für diese Pirschbezirke hatte die Stadt, orientiert an den Vorgaben für das frühere Revier, Abschusszahlen festgelegt. „Die wurden alle eingehalten“, so Stephan Becker vom Stadtforst.
Pirschbezirke am Bilstein
Die Folgen waren bei der Pflichttrophäenschau des Hegerings zu sehen. Zwar insgesamt 30 Prozent mehr Abschüsse, aber darunter auch viele junge Tiere, die - so Heitzig - „besten Zukunftsträger“. Rund 90 Rehe seien im vergangenen Jahr allein am Bilstein erlegt worden.
Die Pirschbezirke, so Heitzig, sei regelrecht leergeschossen worden. Die Folge: Auf diese verwaisten Flächen zieht es nun das Wild aus den Nachbarrevieren. Und deren Pächter, die viel Geld für ihre Leidenschaft ausgeben, schauen in die Röhre.
Bisher, so der Vorwurf der Jägerschaft, habe es mit der Stadt Brilon immer einen verständnisvollen Dialog gegeben. Heitzig: „Es ging um Wald und Wild. Jetzt heißt es Wald vor Wild, und zwar kompromisslos.“
Das muss nach Ansicht von Dr. Bub auch so sein - allerdings nur vorübergehend. Nach Kyrill habe die Stadt mit einem Kraftakt den „wald- und wildgerechten Wiederaufbau“ der Flächen in Angriff genommen. Rund zwei Millionen Setzlinge seien bisher auf rund 780 ha Kyrill-Fläche gepflanzt. Kostenpunkt: 1,56 Mio Euro, zuzüglich 360 000 Euro für Wildschutzmaßnahmen. In diese Wiederaufforstung eingeschlossen wurden 25 Wildäsungs-Projekte, wo Reh und Co „weit über das Kulturstadium hinaus“ (Dr. Bub) Futter finden.
Angesichts des globalen Klimawandels sei bei der Wiederaufforstung auf einen - so Dr. Bub - „standortgerechten, vielfältig gestuften und mit einer hohen Baumartenfülle besetzten Wald“ geachtet worden. Mit diesem Konzept will der Forst künftigen Orkanen trotzen, das betriebswirtschaftliche Risiko streuen, für die Wildbestände einen attraktiven Lebensraum schaffen und auch die Freizeitnutzung des Waldes berücksichtigen.
Lebensraum der Zukunft
Allerdings: „Ein natürlicher Mischwald ist in seiner Gründungsphase stark gefährdet,“ sagt Dr. Bub. Deshalb dürfe man nicht zulassen, das „unser Wild den eigenen zukünftigen Lebensraum entwertet“. Diese Phase schätzt der Forst-Experte auf „zwei, drei Jahre. Dann sind die Jungpflanzen aus dem Äser herausgewachsen.“ Sprich: Die Tiere kommen nicht mehr an die neuen Triebe heran.
Für die Jägerschaft „läuft das Thema aus dem Ruder“, sagt Ulrich Heitzig und erinnert daran, dass die Stadt „über Jahrzehnte mehr Geld mit der Jagd als mit dem Wald verdient“ habe.
10:05
X