Über die Fesseln der Kirche
12.12.2011 | 18:37 Uhr 2011-12-12T18:37:00+0100
Brilon. Dr. Michael Göring war mit seinem Werk „Der Seiltänzer“ zu Gast in der Stadtbibliothek. Im WP-Interview spricht er über die Inhalte und Intentionen seines Werks.
„LosLesen“ hieß es am vergangenen Samstag zum dritten Mal in der Briloner Stadtbibliothek. Leiterin Ute Hachmann hatte diesmal den Hamburger Literaturwissenschaftler Dr. Michael Göring eingeladen mit seinem Werk „Der Seiltänzer“. Ein Buch, das im Sauerland spielt, und das eine brisante Thematik aufgreift.
Die Handlung: Pfarrer Andreas Wingert wettert von der Kanzel aus gegen das Zölibat, gegen den Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen – bis er selbst unter Verdacht gerät und aus der Bahn geworfen wird. Seine Freundin, Lisa aus Brilon, bietet an, ihm bei einem kompletten Neuanfang zu unterstützen. Ein innerer Konflikt beginnt und eine Suche nach sich selbst. In der Vergangenheit, in der Gegenwart. Die WP sprach mit Dr. Göring über Inhalte und Intentionen des Werks.
„Der Seiltänzer“ handelt von einem Priester, der mit seiner Profession hadert. War das für Sie schlichtweg ein spannendes Thema oder eine passende Plattform, um Kritik an der katholischen Kirche zu üben?
Dr. Michael Göring: Beides. Ein Mann, der mit 50 Jahren vor einem Scherbenhaufen steht, der zu Unrecht eines Vergehens bezichtigt wird, dessen Existenz wackelt, eben ein Seiltänzer, der überlegt, ob er mit 50 noch einmal ganz von vorn anfangen kann. Das ist immer ein spannendes Thema. Mit einem katholischen Pfarrer als eine der beiden Hauptfiguren ist es zugleich möglich, Kritik an den überkommenen Strukturen in der katholischen Kirche zu üben.
Michael Göring wurde am 30. Juli 1956 in Lippstadt geboren und studierte Anglistik, Geografie, Amerikanistik und Philosophie an den Universitäten Köln, Swansea (Großbritannien), Michigan (USA) und München, wo er auch promovierte. Seit 2000 arbeitet er am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Seit 2005 ist er Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Hamburg.
„Der Seiltänzer“, erschienen im September bei Hoffmann und Campe, war nach vielen Sach- und Fachveröffentlichungen sein erster Roman.
Wie stehen Sie denn selbst zur katholischen Kirche? Kann jemand, der heutzutage Homosexualität und Verhütung nicht tolerieren will, noch den Anspruch haben, Werte vermitteln zu können?
Göring: Heute ist die Schere zwischen der katholischen Glaubenslehre – Zölibat, keine gemeinsame Kommunion mit Protestanten, keine Verhütung, kein Verständnis für Homosexualität und anderes – und der tatsächlichen Lebenspraxis der katholischen Mitbürger so groß, dass die Institution Kirche an Glaubwürdigkeit verliert. Die Missbrauchsgeschichten des letzten Jahres haben diesen Vertrauensverlust noch weiter verstärkt. Das ist schlecht, denn wir brauchen die Vermittlung von Werten, wir brauchen die Frage nach dem, was wirklich wichtig ist im Leben.
Ein wenig brisanter macht die Thematik Ihres Buches auch, dass sie zu nicht unwesentlichen Teilen im christlich geprägten Sauerland spielt. Eine zentrale Figur, die Lisa als Liebhaberin des Priesters Andreas Wingert, kommt aus Brilon. Welchen Bezug haben Sie zur Region?
Göring: Ich habe die ersten 18 Jahre meines Lebens in Lippstadt verbracht und mit dem Rad, auf Wanderungen und mit dem Moped meine westfälische Heimat kennen und lieben gelernt.
Wie viel Wahres steckt in der Geschichte?
Göring: Alle Personen und die Handlung sind frei erfunden. Bei der Darstellung der 40 Jahre währenden Freundschaft der beiden Hauptdarsteller, des Priesters Andreas und seines atheistischen Freundes Thomas, habe ich natürlich immer einmal wieder auf eigene Erlebnisse und auf Erzählungen von Freunden zurückgegriffen. Mir war wichtig, die alte Bundesrepublik dabei noch einmal zum Leben zu erwecken.
Was müsste die katholische Kirche Ihrer Meinung nach tun, um glaubwürdiger, zeitgemäßer zu werden – nicht nur, was den Umgang mit Missbrauchsfällen angeht?
Göring: In einer so deutlich von Krisen geprägten Zeit, in der Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus versagt haben, gewinnt der Glaube neu an Bedeutung. Worauf kommt es im Leben wirklich an? Gibt es nicht viel mehr als materielle Werte? Hier können die Kirchen vermitteln, Werte vorleben, Glaubwürdigkeit beweisen. Die katholische Kirche darf sich nicht durch überkommene Formen wie dem Festhalten am Zölibat, dem Verbot von Frauen im Priesterdienst, dem Verbot von Verhütung, der Abscheu vor homosexueller Lebenspraxis selbst fesseln und ins Abseits verbannen. Religion hat dem Menschen mehr zu bieten als kleinliche, veraltete Kirchengesetze. Und was meinen Priester Andreas angeht: Kein Mensch, auch der Papst nicht, hat das Recht, einem Mann sein Bedürfnis an Liebe, an Sexualität, an Vaterschaft zu versagen.
15:16
Nicht nur Kommunismus, Sozialismus und Kapitalismus haben versagt sondern auch das
Christentum und andere Religionen.