„Trauer ist bei mir wie eine Handtasche“

So klein und doch hinterlassen die Sternenkinder eine riesengroße Lücke.
So klein und doch hinterlassen die Sternenkinder eine riesengroße Lücke.
Foto: WR/Franz Luthe
Was wir bereits wissen
Wie verkraftet eine Mutter den Verlust von zwei Kindern in nur drei Jahren? Im letzten Teil unserer Serie „Auferstanden“ erzählt eine Frau von ihren Erlebnissen und ihrer Trauerarbeit.

Altkreis..  Es ist über 40 Jahre her, doch es tut immer noch weh. Und es gibt immer wieder Momente, die die Erinnerungen aufbrechen lassen: Gerda (Name von der Redaktion geändert) und ihr Mann haben zwei Kinder verloren.

Das erste starb noch in der Schwangerschaft. Ein absolutes Tabuthema in den 70er Jahren: „Ich durfte mein Kind noch nicht einmal sehen und habe nie erfahren, ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden wäre. Ich weiß bis heute nicht, warum es gestorben ist. Es war einfach weg und wurde totgeschwiegen.“

Geredet wurde über solche Schicksalsschläge damals grundsätzlich nicht: „So etwas wollte niemand hören, man musste gleich wieder zur Tagesordnung übergehen. Wie es drinnen aussah, diese schreckliche Leere, damit musste man ganz alleine fertig werden.“

Die zweite Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen, ein kleiner Sohn kam gesund zur Welt. Als sein erster Geburtstag nahte, war der Kleine jedoch ständig müde. „Das werden wohl die Zähnchen sein oder eine Erkältung“, tippte Gerda, „man sucht als Mutter ja solche Erklärungen“.

Doch nach wenigen Tagen ließ ihr der Zustand ihres Jungen keine Ruhe mehr, sie ging zum Arzt. Dieser schickte sie am nächsten Tag in die Kinderklinik. Als der diensthabende Doktor dort den Bauch ihres Sohnes sah, sagte er sofort: „Das ist Leukämie, die Milz ist schon ganz geschwollen.“

Von dieser Krankheit hatte Gerda zu diesem Zeitpunkt erst ein einziges Mal zuvor gehört, das Kind von Bekannten war daran gestorben. „Aber das ist doch ein Todesurteil“, reagierte sie somit entsetzt. Der Arzt antwortete nur: „Ja. Sie können mit ihrem Kind um die ganze Welt reisen, aber es wird Ihnen niemand helfen können.“

Vier Wochen musste der Kleine im Krankenhaus bleiben, er erhielt eine zu diesem Zeitpunkt ganz neue Behandlungsform: die Chemotherapie. Gerda fuhr vier Wochen lang jeden Tag fast 140 Kilometer, um bei ihm zu sein, Übernachtungen von Eltern im Krankenhaus waren ja damals noch nicht üblich. Doch die Chemo zeigte außer den Nebenwirkungen keinen Erfolg. Einen Tag vor Weihnachten wurde ihr Sohn nach Hause geschickt, weil niemand mehr etwas für ihn tun konnte. Im Mai darauf verstarb er.

Zwei Kinder in nur drei Jahren verlieren – wie findet man als Eltern überhaupt noch Kraft, danach weiter zu machen? „Ich musste einfach funktionieren, vor allem für unsere Tochter, die ein Jahr später geboren wurde. Sie hatte doch auch ein Recht auf eine Mutter, die mit ihr lacht und für sie da ist.“

Wunden reißen immer wieder auf

Ihre Trauer vergleicht Gerda mit einer Handtasche, die sie Tag für Tag bei sich trägt. „Manchmal kann die Tasche wochenlang zubleiben, aber dann kommen auch noch nach so vielen Jahren wieder Momente, da packt es einen.“ So riss zum Beispiel im letzten Dezember ein WP-Artikel über die Trauerarbeit einer Familie mit einem Sternenkind, einem kleinen Jungen, der im sechsten Schwangerschaftsmonat tot geboren worden war, die Wunden wieder auf.

Gerda griff zum Telefon und rief bei der Westfalenpost an, so kam auch der Kontakt mit ihr zustande. Oder jetzt ganz aktuell der Flugzeugabsturz in der vergangenen Woche. „Ich muss ständig an die Eltern denken, die ihre Kinder bei diesem Unglück verloren haben. Vor ihnen liegt so ein langer und harter Weg, ihr Leben wird nie mehr so sein, wie es war.“

Es hilft ihr bis heute, sich ihren verstorbenen Sohn als ihren ganz persönlichen Schutzengel vorzustellen: „In meinen Gedanken sehe ich ihn als erwachsenen Mann vor mir, auch wenn ich ihn nur als kleines Kind erlebt habe. Er passt auf uns auf. Es ist wie ein tröstliches Ritual für mich, wenn ich mit ihm spreche, auch wenn das für Außenstehende vielleicht schwer vorstellbar ist. Von meinem ersten Kind habe ich aber leider gar keine Vorstellung - vielleicht, weil ich es nie sehen konnte.“ Deshalb findet sie es sehr gut, dass es mittlerweile Selbsthilfegruppen und professionelle Hilfe für Eltern verstorbener oder tot geborener Kinder gibt: „Ein Kind zu verlieren tut schrecklich weh, das vergisst man niemals, es fehlt einem immer. Aber heute kann man wenigstens diesen Schmerz mit anderen teilen und ist nicht mehr so allein und verlassen damit.“

Trost gefunden hat Gerda auch darin, sich für die Kinderkrebshilfe zu engagieren, Spenden zu sammeln und betroffene Familien von erkrankten Kindern zu unterstützen, damit sie diesen schweren Weg nicht so einsam gehen müssen wie sie damals. Und im letzten Jahr ist Gerda zum ersten Mal Oma geworden.

Während der Schwangerschaft ihrer Tochter hatte sie große Befürchtungen, ob alles gutgehen und ihr Enkelkind gesund sein und bleiben würde. Doch seit es da ist, geht es Gerda deutlich besser, sie kann die Zeit mit ihrem Enkel in vollen Zügen genießen, ohne dass ihre Angst ständig alles überschattet.

Frieden mit Verlusten machen

Hat Gerda eine Antwort auf die quälende Frage „Warum“ gefunden? „Nein, die gibt es wohl nicht. Aber irgendwann musste ich meinen Frieden mit diesen Verlusten machen und aufhören, mich dagegen zu wehren. Ich kann ja nicht immer nur mit der Vergangenheit hadern und Angst vor der Zukunft haben. Ich lebe heute und bin dankbar dafür.“

Informationen für Betroffene:

Eltern in Situationen wie Gerda und ihr Mann sind heute nicht mehr allein, sondern können professionelle Unterstützung und Gleichgesinnte in verschiedenen Selbsthilfegruppen finden:

In Gießen gibt es den „Elternverein für leukämie- und krebskranke Kinder“ unter www.krebskrankekinder.de und in Düsseldorf die „Elterninitiative Kinderkrebsklinik e.V., 0211-279998.

Eltern, deren Kind während der Schwangerschaft oder bei bzw. kurz nach der Geburt verstirbt, können sich an das „Netzwerk Sternenkinder“ in Brilon wenden unter 0176-51503785 oder sternenkinder@kh-brilon.de . Hilfe bietet auch der Verein „Verwaiste Eltern“ unter www.verwaiste-eltern.de