Totenstille im Gerichtssaal

Der wegen schwerer Vergewaltigung angeklagte Thomas K. (52) steht am Dienstag (24.02.15) in Köln in einem Saal des Landgerichtes im Vorfeld der Urteilsverkündung neben seinem Anwalt Anwalt Volker Schröder.
Der wegen schwerer Vergewaltigung angeklagte Thomas K. (52) steht am Dienstag (24.02.15) in Köln in einem Saal des Landgerichtes im Vorfeld der Urteilsverkündung neben seinem Anwalt Anwalt Volker Schröder.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Gebürtiger Olsberger missbraucht und misshandelt 17-jährige Schülerin drei Tage lang. Kölner Landgericht verurteilt Gärtner zu neuneinhalb Jahren Haft.

Olsberg/Köln..  63 Minuten. Eine Ewigkeit. Christoph Kaufmann, Vorsitzender Richter der 2. Großen Strafkammer am Landgericht Köln, trägt die Urteilsbegründung vor. In Saal 7 ist es totenstill. Pervers und grausam sind die Einzelheiten, die er beschreibt.

Unter dem Vorwand, für ihre Mutter eine Überraschung vorzubereiten, lockt der 52-Jährige das Mädchen aus dem Haus. Er kennt die 17-Jährige flüchtig. Ihre Mutter arbeitete als Reinigungskraft in seiner Gärtnerei. Es ist Samstag, der 27. September, 14 Uhr. Noch im Auto packt er sie, fixiert sie im Sitz am Hals, legt ihr Handschellen an, knebelt sie und setzt ihr einen Motorradhelm auf. Das Visier ist mit Panzerband abgeklebt.

Mit dem Opfer fährt er in seine Garage in Köln-Lindenthal und fixiert das Mädchen auf der Ladefläche eines abgemeldeten Transporters. All das dauert 20 Minuten. „Ein unbegreifliches Verbrechen“, so der Richter, „Und danach gehen Sie zurück in ihre alte Welt.“

Perfekte Ehe

Die Welt, in der er seit 1993 eine nahezu perfekte Ehe führt. Richter Kaufmann beschreibt die Tage vor dem Verbrechen. „Dienstags war Ihr Hochzeittag, den sie nicht vergessen haben wie andere, mittwochs sind Sie bei Fortuna Köln, freitags beim Skatabend, sonntags gucken Sie gemeinsam Tatort.“

Eine heile Welt, die längst Risse hat. Sein Gärtnereibetrieb steht vor dem finanziellen Ruin, er muss sich immer wieder Geld von seiner Frau leihen, die auch berufstätig ist. Außerdem beeinträchtigen den Sauerländer die gesundheitlichen Folgen von zwei Verkehrsunfällen. Er hat Schlafstörungen, erkrankt 2012 an Diabetes und leidet danach unter Impotenz. „Das Erlöschen Ihrer männlichen Potenz hat ihr männliches Selbstwertgefühl untergraben“, glaubt Kaufmann.

Sadistische Phantasien

Der Angeklagte deckt sich in seiner angemieteten Garage mit Sex-Utensilien zur Selbstbefriedigung ein und flüchtet sich in sado-masochistische Phantasien. Hier reift nach Ansicht des Gerichts der Gedanke der Entführung. „Obwohl Sie wissen“, so Kaufmann, „dass das ein Schritt ist, aus dem es kein Zurück mehr gibt.“

Er weiß es. Das Opfer fleht ihn an. Ohne Wirkung. „Ich kann dich nicht laufen lassen, mein Ruf ist wichtiger“, sagt er ihr, lässt die Schülerin mit ihrer Todesangst alleine. Gefesselt, bei Wasser, angereichert mit Beruhigungstropfen, und etwas Brot. An Zynismus in dieser Situation fehlt es ihm nicht. „Entspann’ dich. Das wird dir gefallen“, raunzt er sie an. Mit einem Teppichmesser schlitzt er ihre Kleidung auf, befingert und vergewaltigt sie. Fast drei Tage dauert ihr Martyrium.

Prozess Am Ende ruft der Gärtner, zwischendurch ist er immer zu Hause, seine Frau an, erzählt etwas von einem Abschiedsbrief und fährt nach Olsberg zum Friedhof, auf dem seine Eltern begraben sind. Die Polizei findet ihn bewusstlos, voll gepumpt mit Medikamenten und Alkohol, auf dem Parkplatz vor der Stadthalle. Unterdessen denkt seine Frau, ihr Mann will sich in der Garage das Leben nehmen, alarmiert die Polizei, die das Mädchen befreit. „Das sadistische Szenario, das sie vorgefunden haben, hat sie geschockt.“, sagt Kaufmann. Und wendet sich direkt an den Angeklagten: „Auch ihre Ehefrau ist Opfer dieses Verbrechens.“

Massive psychische Folgen

Sie, die Angesprochene, 48 Jahre alt, sitzt mit Mutter und Schwester unter den Zuschauern. Sprechen über das Unaussprechliche will sie an diesem Tag nicht. „Seien Sie nicht böse, aber es geht nicht.“ Nahezu regungslos verfolgt sie die Urteilsbegründung.

Eine Reihe vor ihr sitzt die Mutter des Opfers. Sie weint, schluchzt und schweigt. Ihr Gesicht verrät unendlichen Schmerz. Richter Kaufmann zitiert an dieser Stelle eine Aussage des Mädchens, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit per Videokonferenz befragt worden war. „Als wäre eine Bombe in mein Leben und das meiner Mutter eingeschlagen.“

Die seelischen und körperlichen Folgen sind für das Opfer, so Kaufmann, nicht absehbar. Das Mädchen, das vor dem Abitur steht, kann kein Sport mehr machen, hält Gesellschaft nicht aus. „Die Tat hat massive psychische Auswirkungen. Sie ist in traumatherapeutischer Behandlung.“