„Situation ist für Amanuel kaum auszuhalten“

Ute Schünemann und ihr Sohn besuchen Pfarrer Markus Pape und Amanuel Oqubagabr. Sein Platz am Tisch im Pfarrgarten ist leer. Enttäuscht und demotiviert hat er sich ins Pfarrhaus zurückgezogen und möchte nicht mit aufs Foto.
Ute Schünemann und ihr Sohn besuchen Pfarrer Markus Pape und Amanuel Oqubagabr. Sein Platz am Tisch im Pfarrgarten ist leer. Enttäuscht und demotiviert hat er sich ins Pfarrhaus zurückgezogen und möchte nicht mit aufs Foto.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Seit einem halben Jahr lebt Amanuel Oqubagabr im evangelischen Pfarrhaus bei Pastor Pape. Heute läuft das Kirchenasyl aus. Der junge Eritreer darf allerdings noch bleiben.

Bredelar..  Das Kirchenasyl für Amanuel Oqubagabr wird vermutlich noch acht Wochen länger dauern. Eigentlich wäre es mit dem heutigen Datum beendet. Seit sechs Monaten gewährt die Evangelische Kirchengemeinde Marsberg dem 23-Jährigen aus Eritrea Kirchenasyl. Der junge Mann wäre, wie berichtet, sonst nach Italien abgeschoben worden. Das droht ihm noch immer. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat entschieden, dass die Sechs-Monats-Frist innerhalb der er nach Italien abgeschoben werden kann, erst Mitte Juli abläuft.

Vertreter der Ausländerbehörde des HSK überbrachten in Begleitung von Sozialamtsleiter Hanns Runte und Bürgermeister Klaus Hülsenbeck Amanuel in der vergangenen Woche die für ihn niederschmetternde Nachricht. Die Abschiebung nach Italien droht ihm also weiterhin. Vor dem jungen Eritreer liegen weitere acht Wochen der Ungewissheit.

Im kleinen Gemeindesaal einquartiert

Weitere acht Wochen, in denen er das Kirchengelände nicht verlassen darf. Seit Mitte Dezember lebt Amanuel in dem Gemeindehaus in Bredelar. Im kleinen Gemeindesaal hat ihm die Kirchengemeinde ein eigenes Zimmer eingerichtet. Aus Spenden wird sein Lebensunterhalt bestritten. Pfarrer Pape wohnt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen in der Etage über ihm.

Heute wird die Rechtsanwältin wieder aktiv werden, um das Verfahren weiter voranzubringen, lässt Pfarrer Pape im Gespräch mit der WP wissen. „Für uns ist klar, wir werden ihm so lange Asyl gewähren, bis alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind, er seinen Asylantrag hier in Deutschland stellen kann und damit einen Schritt in seine persönliche Zukunft tun kann“, sagt der Geistliche.

Unzumutbare Zustände

Denn der Grund, weshalb die Kirchengemeinde ihm das Kirchenasyl gewähre, habe sich nicht geändert: In Italien herrschen unzumutbare Bedingungen für Asylbewerber. Amanuel hatte nach seiner Flucht aus Eritrea über das Mittelmeer in Italien als erstes EU-Land betreten und er war dort registriert worden. Nach dem europäischen Dublin-Abkommen müssen Flüchtlinge ihr Asylverfahren in dem Land verfolgen, in dem sie in Europa angekommen sind.

Amanuel verfolgt das Gespräch mit ernster Miene. Er hat während der sechs Monate Kirchenasylzeit fleißig Deutsch gelernt und versteht, worüber gesprochen wird. Er schweigt dazu. Die Enttäuschung ist ihm anzusehen.

Flucht über das Mittelmeer

Vor mehr als einem Jahr verließ er seine von Militärdiktatur und Gewalt gebeutelte afrikanische Heimat, in der Hoffnung auf eine bessere, menschenwürdigere Zukunft. Mit einem Boot floh er über das Mittelmeer. Im August kam er nach Marsberg, zunächst ins Übergangswohnheim am Rennufer. Nachdem das im September abgebrannt war, wohnte er mit weiteren Asylbewerbern in der als Notunterkunft hergerichteten Kerschensteiner Schule.

Seine früheren Mitbewohner besuchen ihn während seiner Kirchenasylzeit immer wieder. Regelmäßig hat Ute Schünemann vom Helferkreis der evangelischen Kirche Kontakt mit Amanuel. Die Kinder- und Jugendpsychologin macht sich ernsthaft Sorgen. „Die Situation ist für Amanuel kaum auszuhalten. Er verliert so langsam jeden Mut“, sagt sie. Er habe kaum noch Appetit.

„Das ist moderne Sklaverei“

Nach Italien abgeschoben werden zu können, sei für ihn der schlimmste Alptraum. Ein Asylbewerber ist von Italien zurück nach Marsberg gekommen und hatte von seinen Erfahrungen berichtet: Den ganzen Tag hatte er auf einem Bauernhof Tomaten gepflückt. Dafür hat er an dem Tag zu essen bekommen. Aber kein Quartier. Geschlafen hat er auf dem Feld im Freien. Ute Schünemann: „Das ist moderne Sklaverei.“ Pfarrer Pape: „Wir hoffen, dass es schneller geht. Und wir nicht noch acht Wochen warten müssen, bis eine Entscheidung getroffen ist.“ Zum Wohle von Amanuel Oqubagabr.