Schon im 9. Jahrhundert hallen die Äxte

Für Archäologen und Wüstungsexperten muss das Sauerland ein El Dorado sein. „Keine Region Westfalens ist so reich an Kulturlandschaftsrelikten des Mittelalters und der frühen Neuzeit“, meinte Autor Dr. Bergmann. Auf der Wetterkarte sei ihm das Sauerland oft als kalte, nasse und schneereiche Region begegnet. Rein wissenschaftlich habe daher die Vermutung nahe gelegen, dass ein derartiger Mittelgebirgsraum erst spät von den Menschen erschlossen wurde. Das neue Buch enthält erstmals gesichertes Material zu diesem Thema. Denn die Forschungsannahme einer späten Besiedlung ist grober Unfug.

Der Dodo aus Düdinghausen

Nachweislich im 9. und 10. Jahrhundert hallten bei uns in den Wäldern schon die Äxte. Überall entstanden zunächst Einzelhöfe, dann Weiler. Träger dieser Rodungswelle waren Freibauern, die die Orte nach ihrem Gründern nannten: Dodo aus Düdinghausen oder Dietmar aus Titmarenchusen. Etwa um 1250 verfügte die heutige Leader-Region über ihre höchste Besiedlungsdichte überhaupt. Das Wort demografischer Wandel dürfte damals eine Fremd-Vokabel gewesen sein. Zu Kontrollzwecken entstanden Kleinburgen wie die „Stoltenbruch“ bei Hesborn. Städte wie Brilon, Winterberg und Hallenberg wurden gegründet. Doch durch machtpolitische Interessen überzogen auch Fehden und Wellen der Zerstörung das Land. Das Korn auf dem Halm wurde angezündet, das Vieh geraubt. Landflucht war die Folge, die Hochtäler wurden entvölkert.

Hinzu kam eine Klimaverschlechterung. Und an der Beulenpest starben zwei Drittel der Bevölkerung. Äcker wurden nicht mehr bewirtschaftet, historische Landschaftsräume existierten nicht mehr. 150 Orte wurden aufgegeben. Kirchen und Kapellen (z.B. Wernsdorf und Negerkirche) verfielen. Dr. Bergmann: „Die Entsiedlungsquote der Region ist die höchste in Mitteleuropa gewesen.“

Keine Zukunft ohne Vergangenheit

Als einen weiteren wichtigen Baustein zur Zukunftsgestaltung der Region nannte Leader-Vorsitzender Thomas Grosche das Buchprojekt. „Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit. Solch eine Aufarbeitung ist wichtig, um bei jungen Menschen die Beziehung zu Heimat zu festigen.“ Nach Ansicht von Prof. Dr. Michael Rind. LWL-Chefarchäologe, ist das Buch für 44 Euro etwa so teuer wie ein Mittagessen aus 2,5 Kilo Spargel mit Kartoffeln, Schinken und Butter. „Aber so ein Essen haben Sie nach einem Tag verdaut. Hiervon haben Sie länger etwas.“

Im Vorwort zu dem Buch erinnert Leader-Geschäftsführer Heinrich Nolte an die Geburtswehen des Projekts. Denn schon in den 90-er Jahren war städteübergreifend der Wunsch geäußert worden, die Siedlungs- und Bergbaugeschichte der Region zu erforschen. Doch der große Aufwand für Grabungen, Vermessungen und Kartierungen scheiterte am Geld. Der Zusammenschluss zur Leader-Region eröffnete dann aber neue Möglichkeiten. Kosten: Für die sechs Städte 37 670 Euro (aufgeteilt nach Forschungsanteil) plus dieselbe Summe an EU-Fördermitteln. Der Autor wurde eigens beim LWL freigestellt. Ausdrücklich dankt Nolte den ehrenamtlichen Mitarbeitern aus Heimat- und Geschichtsvereinen - stellvertretend für alle der Geschichtskennerin Alice Beele aus Hoppecke.