Sauerländer Pils statt „Tsingtao“ aus China

Marcus Hernig ist China-Kenner und Sauerland-Liebhaber. Heute Abend liest er im Kump aus seinem Buch "Chinas Bauch".
Marcus Hernig ist China-Kenner und Sauerland-Liebhaber. Heute Abend liest er im Kump aus seinem Buch "Chinas Bauch".
Foto: WP
Der China-Kenner Marcus Hernig liest am Dienstagabend aus seinem neuen Buch im Hallenberger Kump.

Hallenberg..  Er ist China-Kenner, Publizist und Buchautor. Seit 1992 lebt er in Asien und war dort mehrfach für das Goethe-Institut tätig. Er lehrt an chinesischen Hochschulen und berät Unternehmen in Fragen chinesischer Kultur und Kommunikation. Am heutigen Dienstag, 7. Juli, liest er um 19 Uhr im Hallenberger Kump aus seinem Buch „Chinas Bauch“. Die WP sprach mit dem promovierten Sinologen Marcus Hernig, der seit 2011 auch ein Haus in Hallenberg besitzt.

Was ist der größte Unterschied zwischen dem „Hallenberger an sich“ und einem Chinesen? Wie unterschiedlich „ticken“ die Menschen?

Marcus Hernig: Chinesen sind ein wenig leichter, trotz sehr stark gestiegenem Lebensstandard und Tendenz zur Übergewichtigkeit. Aber ein dezenter Blick ins Hallenberger Naturbad offenbart hier noch immer Unterschiede - wobei dort nicht nur Hallenberger die Abkühlung genießen. Was die Psyche angeht: Chinesen sind immer auf der Suche nach neuen Optionen, Möglichkeiten, Chancen, Geschäfte zu machen, das Leben voranzutreiben, sich neu zu erfinden. Das könnte in Hallenberg mehr sein, hier könnte man sich inspirieren lassen – in der Begegnung mit dem Osten. Und: Krombacher – das Leib und Magen-Bier der Hallenberger ist deutlich besser als Chinas Top-Marke Tsingtao, was am überlegenen Sauerländer Quellwasser liegt.

Zum Schreiben eines Ihrer Bücher „China in sechs Gängen“ haben Sie sich schon einmal ins Sauerland zurückgezogen. Das war damals bei der Familie Voss in Madfeld. Was inspiriert Sie an der Gegend hier und wie sind Sie gerade auf das Sauerland gekommen?

Das Sauerland liegt zwischen den beiden Orten meiner Vergangenheit und Gegenwart in Deutschland, die ich immer wieder aufsuche. Die Vergangenheit ist für mich das Ruhrgebiet, Dortmund, wo ich geboren bin und meine Schwester mit Familie noch immer lebt. Die Gegenwart ist sehr stark der Rhein-Neckar-Raum, eine sehr dynamische deutsche Region mit Frankfurt und Heidelberg, wo ich gute Freunde und viele China-Bezüge habe. Doch beides sind Stadtregionen, das Sauerland ist ländlich; es liefert mir die nötigen Rückzugsmöglichkeiten und ist mit einer bis eineinhalb Stunden Entfernung stadtnah. So lange brauche ich, um durch Shanghai zu fahren, eigentlich noch länger, gut zwei Stunden mit der U-Bahn. Wäre Frankfurt Shanghai wäre das Sauerland der „Grunewald“ des internationalen Drehkreuzes Deutschlands.

Nur eineinhalb Autostunden von Hallenberg entfernt, in Frankfurt, so schreiben Sie, prägen Chinesen bereits die Wirtschaft Deutschlands. Was bedeutet das für die Zukunft?

Das ist genau der Punkt. China und Deutschland haben ausgezeichnete Möglichkeiten der Kooperation. Der chinesische Markt, die deutschen Produkte gerade des Maschinen- und Automobilbaus. Und die Affinität zu Deutschland an sich. Chinesen lieben Deutschland und werden in Zukunft als Touristen, Bildungstouristen ins Land kommen. Wir können künftig nur als Lieferanten des chinesischen Marktes unseren gewohnten Lebensstandard halten, die EU wird nicht hinreichend attraktiv sein. Daher ist Kennenlernen zentral, auch mit neuen Perspektiven: Von der Stadt aufs Land, Kennenlernen der „Backwater“-Regionen, die gerade einen besonderen Charme Deutschlands ausmachen und so nahe an den Metropolen liegen, die schon im Kindergarten und in den weiterführenden Schulen Chinesisch-Angebote machen. Da ist viel neues Potenzial, um das man werben sollte – auch im Sauerland.

Ihr Buchtitel „Chinas Bauchgefühl“ lässt erahnen, dass ein besseres Verständnis zwischen West und Ost nicht über den Kopf, sondern über die Gefühlsebene funktionieren kann. Haben Sie dafür ein Beispiel?

Beispiele dafür gibt es einige im Buch. Zum Beispiel das des reichen Bauern aus der Provinz Zhejinag, der auf Einkaufstour in die Stadt ging, um ein paar BMWs für die Familie einzukaufen. Nicht die Technik, die Elektronik, das Design faszinierte ihn, sondern das intensive Gefühl, das ein Mensch vom Land empfindet, wenn er über das weiche Leder der hochwertigen Innenausstattung streicht und dabei staunend entdeckt, dass ein ganzer Ochse für diese Geschmeidigkeit der Ledersitze sein Leben lassen musste. Das hat den Menschen so tief berührt, dass er gleich drei Wagen kaufte. Besser als jedes Techno-Marketing funktioniert oft, die Gefühlsbetontheit der Menschen im Osten zu wecken, um zu zeigen, welch gute Dinge der Westen (noch) anzubieten hat...

Steak vom Sauerländer Höhenvieh oder Sushi – wofür schlägt ihr Herz und warum?

Für beides. Wobei Letzteres auf meine drei Jahre in Japan verweist, das Land, das ich ähnlich liebe wie China. Genaugenommen kreisen Denken und Schmecken um diese drei Länder: Deutschland, China und Japan. Und aus Sauerländer Höhenviechern kann man – bewusst eingekauft – herrlich Chinesisch kochen. Zum Beispiel lang gekochte Rindfleisch-Nudeln. Können wir gern einmal demonstrieren. Sushi aus Sauerländer Bachforellen kann ich mir weniger gut vorstellen – ist doch eher meeresoreintiert.