Sachthemen statt Parteizugehörigkeit

Die Kommunalwahl und ihre Nachwirkungen wird für Thomas Grosche und Brunhilde Sengen sicher ziemlich lange in Erinnerung bleiben.
Die Kommunalwahl und ihre Nachwirkungen wird für Thomas Grosche und Brunhilde Sengen sicher ziemlich lange in Erinnerung bleiben.
Foto: WAZ FotoPool / Ingo Otto
Was wir bereits wissen
Der Mai war der Monat der Wahlen. Für Medebachs Bürgermeister Thomas Grosche ein großer Erfolg. Eigentlich auch für Ratsfrau Brunhilde Sengen. Doch vieles kam anders...

Medebach..  Manchmal kommen sie dann doch noch, auch fast sieben Monate danach, die Tränen. Es ist kurz nach der Kommunalwahl am 26. Mai, als Brunhilde Sengen bei der Mitgliederversammlung der SPD in Medebach nicht nur für 40-jährige Treue geehrt wird, sondern gleich anschließend in einer für sie völlig überraschenden Kampfabstimmung ihr Amt als Fraktionsvorsitzende verliert. Wenig später tritt sie aus Partei und Fraktion aus. Frustriert, verletzt.

Schock ist verarbeitet

Heute, fast sieben Monate später, ist der Schock von damals einigermaßen verarbeitet. Die Vollblut-Kommunalpolitikerin hat sich mit ihrer Rolle als fraktionslose Ratsfrau ganz am Ende der langen Tischreihe im Ratsaal angefreundet und zudem eine neue Erfüllung als frisch gebackene Oma gefunden. Gleichwohl es fast ein Comeback gegeben hätte bei den Sozialdemokraten. Nicht in Medebach, aber in Olsberg. Der Wechsel scheiterte aber an den Partei-Statuten.

Tränen ganz anderer Art hat kurz nach der Kommunalwahl vielleicht auch Bürgermeister Thomas Grosche verdrückt. 94,7 Prozent Zustimmung nach fünf Jahren Amtszeit waren nicht nur kreisweit das beste Ergebnis, auch landesweit hat es kein Amtskollege geschafft, diese Marke zu knacken. Viel verändert hat sich seitdem offensichtlich nicht. „Kanzlerin Merkel hat jedenfalls nicht angerufen“, schmunzelt Thomas Grosche. Allerdings entschied der CDU-Bezirksvorstand, den ersten Bürger der Hansestadt in den Regionalrat zu holen. Ob dies mit seinem Rekord-Wahlsieg zu tun hat? Wer weiß. „Aufgefallen ist das Wahlergebnis aber sicher schon“, sagt Thomas Grosche.

Avancen der Christdemokraten aus Düsseldorf oder Berlin hätten in den Wochen und Monaten nach dem Urnengang aber offenbar nicht viel Sinn gemacht. „Ich bin mit Leib und Seele auf der kommunale Ebene tätig. Hier kann ich gestalten. Die Bundes- und Landesebene ist nichts für mich.“ Allein beim Stichwort Fraktionszwang läuft es dem Fußball-Fan der Fohlen aus Mönchengladbach kalt den Rücken runter. „Sachthemen sind wichtiger als Parteizugehörigkeit“, so sein Credo. Keine leeren Worte, glaubt man Brunhilde Sengen. „Die SPD hat damals im Wahlkampf auch deshalb keinen Gegenkandidaten aufgestellt, weil Thomas Grosche gute Arbeit geleistet hat und es deshalb Quatsch gewesen wäre. Wir haben gespürt, dass er auch Argumenten anderer zugänglich ist, wir offen Dinge diskutieren können. Man hatte einfach das Gefühl, für voll genommen zu werden“, so die langjährige SPD-Vorsitzende.

Die größte Herausforderung, die Thomas Grosche in den Monaten nach der Wahl zu meistern hatte, war wohl die, sich nicht zu verändern, das eigene Ego zu beherrschen und auf dem Teppich zu bleiben. „Ich habe auch meinem Umfeld gesagt: Wenn sich etwas ändert, dann sagt es mir“, so Grosche, der sich selbst am meisten Druck macht und auch in den kommenden Jahren darauf setzt, dass sein Umfeld aus Familie, Politik, Rathaus-Team sowie die Vereine und Verbände im Stadtgebiet seine Arbeit weiter so engagiert unterstützen wie in der ersten Wahlperiode.

„Ich finde, das Ergebnis implementiert eine Erwartungshaltung, die man erfüllen möchte.“ Dazu zählt auch, Kritik aushalten zu müssen, zum Beispiel, wenn es um die Steuererhöhungen im neuen Jahr geht. „Da wird was kommen und das ist auch in Ordnung so“, ist er sich sicher.

Guten Job gemacht

Sicher ist sich Medebachs Bürgermeister, dass er seinen Job dann gut gemacht hat, „wenn ich wie Michael Kronauge in Hallenberg bei der letzten Wahl vor der Pensionierung über 80 Prozent bekomme.“

Die letzte Legislatur-Periode möchte auch Brunhilde Sengen gerne aktiv im Rat mitgestalten. Auch wenn es sie ein wenig nervt, Rats- und Ausschuss-Sitzungen alleine im stillen Kämmerlein vorbereiten zu müssen. Dabei müsste sie dies eigentlich nicht. „Zwei Fraktionen haben mir bereits angeboten, bei ihren Beratungen dabei zu sein“, sagt die Frau, die seit 1984 im Medebacher Stadtrat aktiv ist und davor bereits zwei Jahre in Frankenberg Kommunalpolitik betrieben hat. Die Angebote ihrer Ratskollegen zeugen von dem großen Respekt, der ihr entgegen gebracht wird. Geschnitten wird sie nicht, im Gegenteil. „Wir sind froh, dass Brunhilde Sengen mit ihrer Erfahrung und ihrer Kompetenz weiter dabei ist“, sagt auch Thomas Grosche.

Turbulenzen überstanden

Zuvor musste die Medebacherin nach ihrer Abwahl als Fraktionsvorsitzende trotz eines guten Wahlergebnisses von rund 33 Prozent in ihrem Bezirk aber einige Turbulenzen überstehen. Zuerst nahmen es ihr die Parteifreunde übel, dass sie ihrem Ärger öffentlich Luft gemacht hatte, dann folgten nach dem Partei-Austritt Mails von den Sozialdemokraten auf Kreisebene, die diesen Schritt nicht nachvollziehen konnten. Letztlich wären die Überredungskünste ja fast im Ortsverein Olsberg geendet. Fast.

„Jetzt ist das Thema durch. Mein Mann hat damals zu mir gesagt: Du hast dich entschieden, also hör auf zu trauern.“ Die Familie steht weiterhin zu ihr, wie in den drei Jahrzehnten Partei-Arbeit für die SPD davor auch. „Das war mein Leben, die Familie musste da mitziehen und hat dies auch getan.“ Gut tut es Brunhilde Sengen, dass ihr seit ihrem Austritt aus Partei und Fraktion immer wieder Bürgerinnen und Bürger Mut zusprechen und ihren Austritt bedauern.

Vergangenheit. „Ich tue jetzt das, was ich für richtig halte und muss auf keinen mehr Rücksicht nehmen. In all den Jahren wollte ich immer nur mit Menschen etwas für andere Menschen bewegen. Dies bleibt auch so bis zum Schluss“, betont sie, die im Jahr 2020 endgültig Schluss machen möchte mit der Kommunalpolitik. Und dann will sie nur noch eines sein: liebevolle Oma!