Nur jedes sechste Schulkind geht zur Vorsorge

Das Vorsorgeinteresse nimmt mit steigendem Alter des Kindes oder Jugendlichen ab.
Das Vorsorgeinteresse nimmt mit steigendem Alter des Kindes oder Jugendlichen ab.
Foto: imago/Westend61
Was wir bereits wissen
Die Kaufmännische Krankenkasse kommt zu dem Ergebnis, dass das Vorsorgeinteresse mit steigendem Alter des Kindes oder Jugendlichen abnimmt.

Olsberg..  Nur jedes sechste Schulkind geht zur Vorsorge. Bei den 16- bis 17-jährigen nimmt nur ein Prozent die vorbeugende Untersuchung beim Arzt wahr. Das hat die Kaufmännische Krankenkasse anhand ihrer Versichertendaten festgestellt. Die Krankenkasse kommt zu dem Ergebnis, dass das Vorsorgeinteresse mit steigendem Alter des Kindes oder Jugendlichen abnimmt. Wir sprachen darüber mit Kinderarzt Dr. Heinz Potthast aus Olsberg.

Frage: Entspricht das auch Ihren Erfahrungen als Kinder- und Jugendarzt in Olsberg?

Dr. Heinz Potthast: Ja, das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Die Untersuchungen bis U9 sind für die meisten Eltern eine Selbstverständlichkeit. Weniger wahrgenommen werden dagegen die U10 für 7- bis 8-Jährige und die U 11, die sich an 9- bis 10-Jährige richtet. Seit vielen Jahren etabliert hat sich die J1 für Kinder von 12 bis 14 Jahren. Kaum Bedeutung dagegen hat die J2, die für 16- bis 17-Jährige angeboten wird, aber kaum angenommen wird.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass viele Eltern ganz selbstverständlich die vorgesehenen Untersuchungen im Baby- und Kleinkindalter nutzen, bei älteren Kindern und Jugendlichen dagegen viel weniger?

Die Untersuchungen bis zur U9 sind inzwischen verpflichtend vorgeschrieben und werden von allen Krankenkassen übernommen. Die Eltern sind im Vorfeld durch die gelben Hefte informiert, die sie direkt nach der Geburt erhalten. Zusätzlich erfolgt eine Meldung an die Landeszentrale für Gesundheit NRW, dass die Vorsorge-Untersuchung wahrgenommen wurde. Anders sieht es dagegen bei den Untersuchungen U 10 und U 11 aus. Sie werden leider nicht von allen Krankenkassen übernommen. Nicht alle Krankenkassen informieren die Eltern über die Möglichkeiten der zusätzlichen Vorsorgen U 10, U11 und J 2. Wir versuchen die Eltern in unserer Praxis mit Hilfe von Plakaten und mit persönlicher Ansprache auf diese Vorsorgen hinzuweisen. Die meisten dieser Eltern nehmen dann die Angebote auch wahr.

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, diese Vorsorge-Termine wahrzunehmen? Oder reicht nicht vielleicht auch ein „normaler“ Arzt-Besuch aus, um Probleme zu erkennen?

Die Vorsorgeuntersuchungen sind alle sehr wichtig, aber auch sehr umfangreich und zeitaufwendig. Im Rahmen eines normalen Arztbesuches, bei dem es vielleicht um eine akute Erkrankung geht, wäre es daher gar nicht möglich, so grundlegende Dinge abzuklären, wie sie diese Vorsorgeuntersuchungen vorsehen. Dadurch, dass die Untersuchungen in den vorgegebenen Zeitfenstern stattfinden und wir nach einem genau festgelegten Untersuchungs-Schema vorgehen, ist die Gefahr, dass krankhafte Befunde übersehen werden, sehr gering. Drohende Krankheiten wie zum Beispiel bei Ernährungsproblemen, bei Störungen im Sozialverhalten oder bei Schulproblemen können dadurch frühzeitig erkannt werden. Und ich denke, vorbeugen ist in jedem Fall besser als Krankheiten zu behandeln.

Gerade in der Pubertät finden es viele Jugendliche wahrscheinlich eher uncool zum Arzt zu gehen und vermutlich auch peinlich, wenn es um das Thema Sexualität geht. Kommen die Jugendlichen mit oder ohne ihre Eltern?

Ich kenne viele Kinder und Jugendliche schon von Geburt an. Für die ist es dann auch meistens selbstverständlich, dass sie in der Pubertät weiter in unsere Praxis kommen. Gerade in der Pubertät ist es aber sehr wichtig, dass man behutsam vorgeht und dass ein Vertrauensverhältnis besteht.

Bei den Jugenduntersuchungen kommen meistens noch die Eltern mit, aber manchmal kommen auch Jugendliche allein zu uns. Wir haben spezielle Fragebögen für die Eltern und für die Jugendlichen, so dass wir verschiedene Blickwinkel erfassen können. Thematisch geht es neben der gesamten körperlichen Untersuchung auch um Fragen rund um die Pubertät, Sexualität, Ernährungsverhalten, soziale Kontakte, Drogen- und Medienkonsum.

Wichtig ist: Wenn die Jugendlichen das möchten, gilt die ärztliche Schweigepflicht natürlich auch gegenüber den Eltern.