Niedermarsbergs Schützen trauern um ihren König

Die Metallteile der Kanonen hatten eine solche Wucht, dass sie durch das Dach und die Fenster auch in die angrenzende Schützenhalle einschlugen.
Die Metallteile der Kanonen hatten eine solche Wucht, dass sie durch das Dach und die Fenster auch in die angrenzende Schützenhalle einschlugen.
Foto: WP / Joachim Aue
Was wir bereits wissen
Tragödie zum Start des Schützenfestes in Niedermarsberg. Metallteile hatten sich an zwei Böllerkanonen gelöst und den Schützenkönig tödlich verletzt.

Niedermarsberg.. Eine Stadt unter Schock: Beim traditionellen Anböllern des Schützenfestes in Niedermarsberg barsten am Samstagmittag zwei der drei Kanonen – der amtierende Schützenkönig André Bieker starb bei dem Unfall. Er wurde nur 30 jahre alt. Die abgeplatzten gusseisernen Teile hatten ihn schwer am Bauch verletzt.

Auf ganz vielen Schützenfesten (nicht nur im Hochsauerlandkreis) wurden am Wochenende Schweigeminuten abgehalten, bei denen die Gedanken zu dem verstorbenen Schützenkönig André Bieker und seiner Familie gehen, aber auch zu den betroffenen Schützenvorständen in Nieder- und Obermarsberg.

Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) spricht von einem Einzelfall: "Es ist schon sehr lange her, dass einmal ein Kanonenrohr geborsten ist. Dabei wurde niemand verletzt", sagte BHDS-Sprecher Rolf Nieborg am Sonntag.

Schützenverband spricht von einem tragischen Einzelfall

Der Verband habe bisher auch keine Informationen zur Unfallursache. Grundsätzlich bestehe immer die Gefahr der Materialermüdung. Von außen sei das nur schwer zu erkennen. Deshalb würden Kanonen dieser Art alle fünf Jahre gewartet und vom NRW-Beschussamt kontrolliert. Zudem müssten beim Abfeuern Sicherheitsabstände eingehalten werden.

Die Kanonen der Niedermarsberger Schützenbruderschaft St. Magnus aber hielten dem Druck offensichtlich nicht stand. Sie barsten. Schützenkönig Bieker (30) wurde so schwer getroffen, dass er trotz einer Notoperation im Marsberger Krankenhaus starb.

André Bieker war der erste König seiner Familie. Nach mehreren Anläufen hatte der Trommler und Kassierer des Spielmannszuges der Freiwilligen Feuerwehr Marsberg den Vogel am Schützenfestmontag 2014 von der Stange geholt. Seither regierte er mit seiner Ehefrau die Schützenbruderschaft St. Magnus. Das diesjährige Schützenfest sollte der Höhepunkt seiner Regentschaft sein.

Ehefrau und Hofstaat sehen Tragödie

Doch die Metallteile der Kanonen hatten eine solche Wucht, dass sie sogar Fenster und Dach der Schützenhalle durchschlugen. Weitere Menschen wurden wie durch ein Wunder nicht verletzt. Bieker hatte in einer Gruppe von drei oder vier Personen dort gestanden.

Bei dem Unglück waren neben der Ehefrau des Verstorbenen auch viele Mitglieder des Schützenvorstands und des Hofstaates anwesend. Sie alle wurden von einem sofort herbeigerufenen PSU-Team (Psychosoziale Unterstützung) seelsorgerisch betreut.

Schützenfest nach Unfall sofort abgesagt

Der Vorstand der St. Magnus-Schützen sagt das Schützenfest umgehend nach dem Unglück ab, als alle Anwesenden noch von schweren Verletzungen ihres Königs ausgehen. „Wir sitzen hier mit dem Vorstand noch in der Halle zusammen und sind völlig leer. Unsere Trauer ist unbeschreiblich, wir finden einfach keine Worte“, schildert Hauptmann Michael Martin am Samstagnachmittag die Gefühle der Schützen. Die ganze Stadt befinde sich in einem Schockzustand. Sonntagmorgen hat ein ergreifender Gedenkgottesdienst in der Propsteikirche in Marsberg stattgefunden.

Schützenfest Die drei verwendeten Kanonen stammen von den Historischen Schützen aus Obermarsberg und wurden in der Olsberger Hütte fachmännisch gegossen. Laut Angaben auf der Internetseite der Schützen werden die insgesamt elf vereinseigenen Kanonen in regelmäßigen Abständen vom staatlichen Beschussamt überprüft. Die Mitglieder, die diese Kanonen bedienen, müssen vorab Lehrgänge besuchen und vor Sachverständigen eine Prüfung ablegen.

Polizei hat Kanonen beschlagnahmt

Der Schützenkönig hatte gemäß Augenzeugenberichten traditionsgemäß den ersten Schuss, der auch einwandfrei funktionierte, abgegeben. Diese auf dem Schützenfest übliche Vorgehensweise soll rechtlich abgesichert sein, wenn ein Verantwortlicher der Schützen dabei ist.

Polizeipressesprecher Ludger Rath berichtete, dass die genaue Ursache des Hergangs noch unklar sei. Die Kriminalpolizei hat die Kanonen beschlagnahmt, es wird nun formell wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt.

Wie ein Lauffeuer machte die Nachricht am Samstag die Runde durchs Sauerland und weit darüber hinaus. Auf der Internetseite der Schützenbruderschaft gingen Beileidsbekundungen aus ganz Deutschland ein. Besonders betroffen waren die zahlreichen Vereine, die am Wochenende selbst ihre Schützenfeste feierten. (mit dpa)