„Mit Jägern gemeinsam einen Weg suchen“

Zahlreiche Jäger verfolgten die Expertenrunde in der öffentlichen Sitzung des PEFC-Arbeitskreises im Bürgersaal des Briloner Rathauses.
Zahlreiche Jäger verfolgten die Expertenrunde in der öffentlichen Sitzung des PEFC-Arbeitskreises im Bürgersaal des Briloner Rathauses.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der angedroht Entzug des PEFC-Siegels macht der Stadt des Waldes Sorgen. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die massiven Wildschäden.

Brilon..  „Nun sagt doch auch einmal was!“ Mehrfach hatte sich der Jäger vom Zuhörerplatz aus hinten im Bürgersaal an der Diskussion beteiligt. Und dann den Appell an seine Freunde in Grün gerichtet, sich doch bitte auch in die Debatte einzumischen. Schließlich musste vieles von dem, was die Experten aus dem Forst vorne am Tisch vortrugen und forderten, den Waidmännern gegen den Strich laufen. Geht es in Brilon doch zurzeit darum, das Verhältnis von forst- und jagdlicher Nutzung des 7750 ha großen Stadtwaldes auf ein neues Fundament zu stellen. Und da müssen sich angesichts der gravierenden Wildschäden vor allem die Jäger auf Umstellungen gefasst machen.

Anlass ist der drohende Verlust des sog. PEFC-Siegels. Das Zertifikat attestiert Produkten aus Papier und Holz, dass sie einer nachhaltigen Waldwirtschaft entstammen. Und da liegt im Forst der Stadt des Waldes einiges im Argen - sagen die Auditoren, die über die Vergabe des Siegels entscheiden.

Bis Ende Juni hat der Rat noch Zeit, ein Konzept zu verabschieden, das verbindlich festlegt, wie die Stadt die Wildschäden nachhaltig senken kann.

Dr. Franz Straubinger etwa, Forstdirektor der Hatzfeldschen Forstverwaltung in Rheinland-Pfalz, hat das Problem Mitte der 90-er Jahre gehabt, als er seinen Dienst in dem 9900 ha großen gräflichen Forst begann. Die Wildschäden - „ein Waterloo“. Die Verbissschäden reichten bei Eiche und Buche nahe an die 30 Prozent heran, bei der Fichte lagen sie knapp unter 5 Prozent. Binnen drei Jahren, das erhielt er als Vorgabe, sei der Wildbestand so zu regeln, dass keinerlei Schutzmaßnahmen mehr nötig seien.

Herzblut statt Geldbeutel

Was machte der junge Forstfachmann? „Alle 33 Jagdpachtverträge wurden gekündigt.“ Die neuen Verträge wurden zu „moderaten“ (Dr. Straubinger) Preisen abgeschlossen - aber mit knallharten Vorgaben. Die Forstverwaltung bildete Jagdteams, denen neben den Pächtern sowohl entgeltlich als auch unentgeltlich mitwirkende Jäger angehören, die vor allem „Herzblut“ mitbringen sollen. Rund 100 Jäger gehören diesen Teams an.

Wenn zum Beispiel bis Mitte September die vereinbarte Strecke nicht erfüllt ist, nehme er „zur Unterstützung“ eine Drückjagd vor. Da kennt er kein Pardon. Auch nicht, wenn zum Beispiel ein Hirsch in einem als rotwildfrei deklarierten Revier angetroffen wird. Etwa 1200 Rehe und rund 350 Sauen werden pro Jahr geschossen.

Und falls die waldbaulichen Ziele durch die nachlässige Bejagung in Gefahr kommen, werden die Verträge unverzüglich aufgelöst. „Die waldbauliche Situation ist heute entspannt“, sagte der Fachmann. Viel Nachwuchs erfolge über die natürliche Wildlings-Gewinnung. Das erspart teure Pflanzungskosten. Und die Forstschutzkosten liegen „stabil bei 0“.

Vorarbeit für den Rat

Das ist auch für die Briloner Politik das A und O. Der Wald, so Christiana Kretzschmar (BBL) sei als tradiertes Eigentum der Bürger zu wahren und als Einnahmequelle zu schützen. Dafür hätten sich „Politik und Verwaltung auch in unbequemer Weise mit Lobbyisten anzulegen“.

Verpachtungstermine früher „oktoberfestartige Events“

„Mit den Jägern gemeinsam“ einen Weg für Brilon zu suchen, ist das Anliegen von Forstdirektor Dr. Gerrit Bub. Das ist zum Beispiel Wolfgang Schmieder, Revierleiter in der Stadt Nettersheim, schon gelungen. Deren Kommunalwald umfasst eine Fläche von rund 2700 ha. Dort wurden die Revier bisher gegen Höchstgebot auf 9 Jahre (Niederwild) und 12 Jahre (Hochwild) verpachtet. Was, wie es ein Zuhörer im Bürgersaal formulierte, in Brilon nahezu „oktoberfestartige Events“ waren. Jetzt gibt es dort die selbstverwaltete Eigenjagd.

Für ein 400 ha großes Revier stehen zum Beispiel 10 Jäger „rund um die Uhr“ (Schmieder) zur Verfügung, zudem finden jährlich zwei Drückjagden mit jeweils 60 Gästen statt. „Wir mögen es nicht, wenn sich jemand nicht traut zu schießen“, sagte der Revierleiter. Die Verträge enthalten ein jährliche Kündigungsrecht, und zwar für beide Seiten. Sie verlängern sich stillschweigend. Wenn aus Sicht des Stadtforstes alles in Ordnung ist, haben Jäger „also die Chance, bei uns alt zu werden“.

Für Bürgermeister Dr. Bartsch ist das PEFC-Problem nur ein „Anstoß“, denn: „Wir müssen sicherstellen, dass unser Wald, der in Deutschland seinesgleichen sucht, generationsübergreifend als Vermögen der Bürger erhalten bleibt.