„Man nehme Blüten und Blätter" - ein Abendessen aus dem Wald

Dr. Sigrun-Machemer-Röhnisch
Dr. Sigrun-Machemer-Röhnisch
Foto: Rita Maurer
Was wir bereits wissen
Für die meisten sieht ein Wegesrand nach Grünzeug und Unkraut aus. Die Biologin und Kräuterpädagogin Dr. Sigrun Machemer-Röhnisch hat zehn Teilnehmerinnen auf einer Kräuterwanderung mit auf eine Entdeckungsreise durch die Natur genommen.

Hallenberg..  Zehn Frauen mit Körben und Einkaufszetteln für das Abendessen in der Hand. Nichts Ungewöhnliches. Ihr Ziel ist jedoch nicht der nächste Laden, sondern der Wald. Geld haben sie auch nicht dabei, und auf ihren Zetteln stehen Zutaten wie junge Birken- und Buchenblätter, Weidenröschen, Giersch, Brennnesseln, Knoblauchrauke oder Schlippen. Unterwegs sind sie mit der Biologin und Kräuterpädagogin Dr. Sigrun Machemer-Röhnisch auf Einladung vom Familienzentrum Hallenberg zu einer Frühlingskräutersuche mit Verköstigung.

Am Anfang der Kräuterwanderung erscheint am Wegesrand erstmal alles grün. Bei genauerem Hinsehen aber wachsen dort unzählige Leckereien für die Küche. So gibt es von den kleinen, unscheinbar wirkenden blauen Veilchen gleich drei verschiedene Sorten, die man am Farbton und an den Blütenblättern erkennt: das Hain-, das Wald- und das Hundsveilchen – alle sind essbar und ein Augenschmaus auf jedem Dessert. Ein paar Schritte weiter blühen Ranken. Sind es Brombeeren oder Himbeeren? Die Rückseite der Blätter ist grün, also Brombeeren, denn die Himbeerblätter hätten einen helleren, fast grau wirkenden Schimmer. In Kriegszeiten wurden aus den beiden der „Deutsche Tee“ gemacht, weil es keine exotischen Sorten gab, erzählt Sigrun Machemer-Röhnisch: Einfach frische Brombeer- oder Himbeerblätter zehn Minuten in heißem Wasser ziehen lassen.

Im Wald zwitschern die Vögel und nicht die Handys, die Weife plätschert vorbei, überall duftet es nach der erwachten Natur. Dicke Hummeln brummen von Blüte zu Blüte, ein Reh schreckt in den Tannen auf – so müsste „Einkaufen“ immer sein! Der Waldboden ist stellenweise übersät von kleinen hellgrünen Pflänzchen mit weißen Blüten. Sigrun Machemer-Röhnisch weiß, warum: „Wir haben eine der schönsten Wochen im Wald erwischt. Der Sauerklee blüht genau jetzt für wenige Tage!“ Ups, Sauerklee kommt eindeutig von sauer – erstaunlich, welchen Geschmack ein einziges Blättchen entwickelt. Ebenso die frischen grünen Fichtenspitzen, die noch ganz weich sind und nach einer Mischung aus Weihnachtsbaum und Saurem schmecken. Aber lecker! Es gibt noch mehr Grün mit weißen Blüten zu entdecken, denn auch der Waldmeister blüht. „In eine Bowle sollten nicht mehr als 13 Stängel gegeben werden, damit der Cumaringehalt nicht zu hoch wird“, rät die Expertin. Die Blüten schadeten entgegen der weit verbreiteten Meinung jedoch nicht. Am besten schmecke die Bowle, wenn sie über Nacht in Apfelsaft ziehe.

Das ebenfalls weiß blühende Waldschaumkraut ist verwandt mit dem bekannten Wiesenschaumkraut und würzt ähnlich wie Senf. Mit der Knoblauchrauke kann man leckere Dips und Soßen verfeinern, ohne Knoblauchgeruch zu riskieren. Und Brennnessel, Giersch und Löwenzahn, zu Unrecht der Inbegriff von Unkraut überhaupt, sind wahre Fundgruben an Vitaminen und Mineralstoffen.

Schätze am Wegesrand

So bietet die Natur auf nur wenigen Metern unendlich viel zu sehen und auch zu probieren – kleine Schätze am Wegesrand, deren Geschmack und gesunde Wirkung früher lebensnotwendig war, aber heutzutage oft gar nicht mehr bekannt sind. Die Körbe sind jedenfalls ruckzuck mit allen Zutaten der Natur gefüllt, in der Küche des Familienzentrums werden daraus Köstlichkeiten wie „Wildkräuter im Teigmantel“, „Brennessel-Spätzle“ oder Blüten-Obstsalat gezaubert und anschließend gemeinsam gegessen.

Und auch, wenn man beim nächsten Spaziergang nicht mit vollen (Kräuter-)Händen zurückkommt - eine solche Wanderung schärft den Blick für die unzähligen kleinen Wunder im Wald und den in den Wiesen, an denen man sonst oft viel zu achtlos vorbeigeht.