Liebe, Leidenschaft und Lust am Abenteuer

Stehender Applaus für die Leistung der Darsteller auf der Freilichtbühne Hallenberg
Stehender Applaus für die Leistung der Darsteller auf der Freilichtbühne Hallenberg
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Die Freilichtbühne hat mit „Die drei Musketiere“ ein temporeiches Abenteuerstück anzubieten.

Hallenberg..  Sie springen über Tische und Bänke. Staub wirbelt auf, Weinbecher fliegen durch die Luft. Die Musketiere und Soldaten schenken sich nichts. Ihre Degenduelle sind alles andere als harmlose Sticheleien. Das sieht echt und gefährlich aus. Schon nach fünf Minuten gibt’s dafür den ersten Szenenapplaus. Und nach gut zwei Stunden hält es gestern am späten Nachmittag die 900 Premieren-Zuschauer nicht mehr auf ihren Plätzen. Applaus im Stehen für Liebe, Leidenschaft und Lust am Abenteuer. Die Freilichtbühne spielt „Die drei Musketiere“ und zeigt, wie man ein angestaubtes Stück so richtig auf Hochglanz polieren kann.

Eine gut gemachte Inszenierung und ein eisgekühlter Wein an einem lauen Sommerabend haben vieles gemeinsam. Beide vertreiben trübe Gedanken, sind erfrischend, entspannen und machen Lust auf mehr. All das trifft auf die Hallenberger Version des Dumas-Klassikers zu. Was das Publikum geboten bekommt, birgt alle Zutaten für ein erfolgreiches und unterhaltsames Sommertheater in sich: Spannung, Witz, Tempo, Liebe, Neid, Hass, Intrigen und Happy End nach diabolischen Degen-Duellen und fiesen verräterischen Verschwörungen.

Jeder kennt die Geschichte und auch die Hallenberger liefern eine echte Abenteuerfassung, in die man sich einfach so hineinfallen lassen kann. Da ist nichts verfremdet und alles am richtigen Platz. Sobald die dritte Fanfare verklungen ist, sorgen nicht zuletzt Bühnenbild, Kostüme und die auffallend akzentuierte Maske für einen Zeitsprung zurück ins Frankreich Anno 1625. Dort lässt der machtbesessene Kardinal Richelieu keine Gelegenheit aus, um am Thron des Königs zu sägen und die Königin des Ehebruchs zu überführen. Doch er hat die Rechnung ohne die Musketiere und ihren vierten Mitstreiter d’Artagnan gemacht, Sie sorgen dafür, dass dem geistlichen Würdenträger das Kardinalspurpur als Zornesröte ins Gesicht steigt.

Für Birgit Simmler ist es die neunte und ganz bestimmt nicht die letzte Regiearbeit an der Freilichtbühne. Die Chemie zwischen ihr und dem Ensemble stimmt noch immer. In diesem Jahr hat die Theaterfachfrau eine ausgesprochen junge und dennoch überaus routinierte Truppe in ihren Individualitäten gefördert und doch zu einer Einheit geformt.

Einer für alle, alle für einen

Der Slogan der Musketiere „Einer für alle, alle für einen“ ist immer noch aktuell. Er könnte heutzutage wie das moderne Pendant aus dem WM-Song 2014 klingen: „Ein Hoch auf uns, auf das was uns vereint!“ Denn auch in Hallenberg geht „jeder für jeden durchs Feuer“. Hier eine Prellung nach dem Sturz von der Bühne, da ein Bandscheibenvorfall oder dort ein faustgroßer Bluterguss – die Proben der vergangenen Wochen waren nicht ohne. Aber sie haben sich gelohnt.

Regelrecht gefeiert vom Publikum wird Lukas Schöttler, der eine ausgesprochen starke Bühnenpräsenz hat und in der Rolle des d’Artagan den Hebel zwischen Draufgänger und Liebhaber perfekt bedient. Sehr ausdrucksstark und emotional aufwühlend gibt Thomas Knecht den Musketier Athos, der mit Stefan Pippel (Porthos) und Philipp Mause (Aramis) zwei absolut ebenbürtige Mitstreiter hat. Im vergangenen Jahr noch Päpstin schlüpft Manuela Winter - nomen est omen – diesmal sehr überzeugend in die Femme-Fatale-Rolle der Lady de Winter. Die kleine, aber mit viel Komik angelegte Figur des Bonacieux ist Georg Glade wie auf den Leib geschnitten und Stefan Mielich spielt als Kardinalshandlanger Rochefort ausgesprochen glaubwürdig einen Unsympathen wie er im Buche steht. Und fechten kann der, wie kein Zweiter...

Unterhaltsames Sommertheater

Ungewöhnlich: Nur zweimal füllt sich das riesige Bühnenareal zu Massenbildern. Alle anderen Sequenzen sind kleinere Szenen, die von Dialogen oder atemberaubenden Fechtduellen getragen werden, bei denen es ganz schön zur Sache geht. „Vieles dreht sich hier um Intrigen und Verschwörungen - so etwas spielt sich im Stillen und nicht vor großen Volksaufläufen ab“, hat sich Birgit Simmler gesagt und daher auf große Bilder verzichtet, bei denen die Akteure ansonsten auch zur bloßen Staffage verkommen wären. Stattdessen hat sie intensiv an den Charakteren gefeilt. Gut investierte Arbeit. Herausgekommen ist ein spannender und unterhaltsamer Abenteuer-Spaß – so gut wie ein gekühltes Glas Wein an einem lauen Sommerabend.