Leben im Denkmal verlangt einiges ab
01.09.2011 | 18:46 Uhr 2011-09-01T18:46:29+0200
Obermarsberg.Wenn der Historische Markt am Wochenende ganz Obermarsberg wieder ins Mittelalter zurückversetzt, dann erstrahlt das Wohnhaus der Familie Böttcher in der Eresburgstraße frisch renoviert im neuen Glanz.
Und wenn ein altes Gemäuer erzählen könnte, wie es zuging auf den Märkten vor vielen hundert Jahren, dann wohl das des alten Bürgerhauses Böttcher.
Seit 422 Jahren steht es an Ort und Stelle. 26 Meter ist das Fachwerkhaus lang, 15,5 Meter breit. In einem Baudenkmal zu leben, verlangt den Bewohnern auch einiges ab. Zum Beispiel hohe Renovierungskosten.
Einen mittleren fünfstelligen Betrag hat die Familie Böttcher diesmal in die Außenrenovierung des wohl ältesten Bürgerhauses im Stadtgebiet gesteckt. Anfang der 80-er hat sie das Haus aufwendig innen und außen renoviert. Notwendig geworden sei die jetzige Renovierung nach dem Orkan Kyrill, so die Familie Böttcher. In dem alten Haus hätte jeder einzelne Balken während des Sturms geknarrt, erinnern sich Elvira Böttcher und Sohn Andreas Karl an die stürmische Zeit. Danach seien Schäden in einzelnen Fachwerkplatten zum Vorschein gekommen.
Fall für den Restaurator
Ein Fall für den Restaurator Grosche aus Medebach-Küstelberg. Er hat ein Restaurierungskonzept entwickelt und es mit der Zimmerei Giller aus Giershagen und Malermeister Luce aus Bredelar in die Tat umgesetzt. Es sei schon eine besondere Herausforderung, mit einer solch alten Bausubstanz zu arbeiten, gerät Restaurator Grosche direkt ins Schwärmen.
Die Balken des Fachwerks wurden ausgebessert. Reste der Holzersatzmasse wurden akribisch entfernt, passgerechte Holzstücke eingearbeitet. Die Felder zwischen den Fachwerkbalken, teilweise aus Lehmfutter, wurden beigearbeitet. Dann erhielten Balken wie Gefache auch noch einen neuen Anstrich.
Blickfang an der Vorderseite ist das einstige Deelentor mit den kunstvollen hölzernen Reliefsäulen. „Anno 1589 bin ich erbauet, den Fobben anvertraut, durch Gottes Hilf erhalten bis 1781“ ist in dem Deelenbogen zu lesen.
Als eines der ganz wenigen hat das Bürgerhaus den stark wütenden 30-jährigen Krieg bis heute überstanden. Johan Mertens sen. hat es im Jahr 1589 erbaut. Er stammte aus dem Waldeck’schen Umland und war evangelisch. In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1929 wird er als Reide- und Hüttenmeister zu Stattbergen benannt. In der Geschichte zur Eisenindustrie in der Grafschaft Waldeck taucht Johan Mertens zu Stattbergen als Besitzer der Dommelhütte bei Adorf auf.
Evangelisch war Rettung
Das Haus wurde in 1646 wahrscheinlich nur deswegen vor der totalen Zerstörung bewahrt, da sich die Familie Mertens mit protestantischer Konfession den einmarschierenden, glaubensgleichen Truppen zu erkennen gab. Vor dem Einmarsch war die lutherische Familie Mertens im katholischen Obermarsberg vermutlich nur geduldet, da sie als Hüttenbesitzer Arbeitsplätze stellte sowie ein hohes Steueraufkommen hatte. Darüber hinaus war Johan Mertens ein Gildebruder der Obermarsberger Kaufmannszunft, der er bereits vor 1593 angehört.
Im Jahr 1662 zog die Familie nach Bielefeld. Neuer Besitzer war die Familie Fobbe. Wegen Überschuldung erfolgte aber die Subhastation (Zwangsversteigerung).
Der jüdische Kaufmann Abraham Traugott ersteigert im Februar 1880 das Anwesen für 1925 Mark. Er zog niemals in das Gebäude ein. Ihn interessierten lediglich die Stapelrechte auf dem ehemaligen Grundstück der Fobben außerhalb von Obermarsberg (Stapelgrund) sowie Huderechte beim Priesterberg, die mit dem ehemaligen Haus Fobbe von jeher verbrieft waren. Diese Grundstücke mit den o. a. Rechten ließ er vom Hausgrundstück lösen. Im April 1880 wurde dann ein Kaufvertrag für das Haus zwischen Abraham Traugott und dem Anstreichermeister Carl Friedrich Wilhelm Böttcher, geboren 1841 in Lauterberg im Harz, abgeschlossen. Das Haus wurde für 1800 Mark verkauft. Es ging in den Besitz der Familie Böttcher über und ist nunmehr seit rund 130 Jahren im Familieneigentum.
0mitdiskutieren