Kulturelle Begegnungen auf Augenhöhe

Schirin Partowi
Schirin Partowi
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Unser Fragendominostein purzelt heute von Brilons größtem und ältestem Jugendlichen, dem Konzertveranstalter und Kneipier Gisbert Kemmerling, zu einer Künstlerin, die eine ganz besondere Musik macht.

Brilon.. Es ist die Sängerin Schirin Partowi , die in Brilon aufgewachsen ist. Zuletzt war sie am Soundtrack für den Film „Der Medicus“ beteiligt. Los geht’s:

Frage: Frage: Schirin, du bist seit Jahren als erfolgreiche Sängerin unterwegs. Verbindet dich noch etwas mit deiner Heimat, dem Sauerland?

Ja, absolut. Ich bin im Briloner Skigebiet mitten im Wald aufgewachsen. Die Ruhe und Klarheit dieser starken Natur und auch der intensive Umgang mit Tieren hat mich neben den kulturellen Eindrücken durch meine Eltern stark geprägt. Wie stark, das merkte ich erst Jahre später. Mit achtzehn Jahren hatte ich nichts Dringenderes vor, als weg zu kommen und habe erst Jahre später erkannt, welchen Wert es hat, in dieser Umgebung zu sein, das Tempo zurückzunehmen, durchzuatmen, zu sich zu kommen. Mit meiner Familie bin ich in den letzten Jahren gern und regelmäßig nach Brilon gekommen. Ich besuche mein Elternhaus so oft wie möglich und genieße die Verbundenheit mit der Natur des Sauerlandes.

Frage: Wie kommt man in Brilon auf die Idee, Sängerin zu werden?

Antwort: Auf diese Idee kam ich während des Politikstudiums in Berlin, als ich in meiner WG zum ersten Mal Schallplatten mit der jungen Maria Callas hörte. Diese Stimme fand ich umwerfend. Klassischer Gesang hatte mich bis dahin nie berührt, aber die Ausdruckskraft, die in dieser Stimme lag und die natürliche Direktheit überzeugten mich absolut. Mir war oft gesagt worden, ich solle doch meine Stimme ausbilden, nun war ich bereit und habe dann das lange und harte Gesangstudium an der Folkwang Hochschule in Essen absolviert.

Gesang war für mich natürlich auch in Brilon schon ein Thema gewesen. Ganz wichtig war da mein Französischlehrer, der uns in der Oberstufe mit seiner Begeisterung für Theater, Literatur, Chanson und politisches Lied inspirierte. Hier habe ich mein kreatives Potential entdeckt und in die Hand genommen. Aber auch Zuhause wurde früher viel und zu jeder Gelegenheit gesungen, was ich im Nachhinein als ein Glück für Kinder empfinde, denn mit der Stimme reagiert man, man verarbeitet die Eindrücke seiner Umgebung, nimmt sich selbst wahr, teilt sich mit, gleicht aus. Wie sehr die Persönlichkeitsbildung mit der Stimme zusammenhängt zeigt schon die Bezeichnung Person, denn „per sonare“ heißt „hindurch tönen“.

Frage: Dein Name deutet an, dass deine Wurzeln nicht nur im Sauerland liegen.

Mein Vater ist aus Persien nach Deutschland gekommen und hat sich nach dem Studium in Brilon niedergelassen. Obwohl er ein stolzer, wie er sagte „waschechter Perser“ war, war er doch auch bekennender Wahl-Briloner, der mit Land und Leuten und der hiesigen Kultur – inklusive Schnad – warm wurde. Ich habe das Zusammenspiel der Kulturen in meinem Elternhaus sehr genossen und als große Bereicherung empfunden.

Frage: Was sind für dich bis jetzt die bedeutendsten Etappen deiner Sängerkarriere?

Antwort: Während des Studiums begann meine Konzerttätigkeit als Altistin, die mich bald mit renommierten Orchestern an wunderschöne Spielorte durch Europa und darüber hinaus führte. Die Budapester Musikakademie zum Beispiel und die Theater von Tel Aviv, Rom, Bologna, die großen Dome von Venedig oder Chartres haben mich sehr beeindruckt. Ich war erstaunt darüber, Teil dieser ernsten und ehrwürdigen Musikwelt geworden zu sein, die ihre Solisten feiert, ihnen aber auch nicht die geringste Schwäche nachsieht. In Philharmonien und Liederhallen habe ich unter anderem mit großer Ehrfurcht die Altpartien der großen Passionen Bachs gestaltet und im Bereich Lied war der bisherige Höhepunkt mein Goethe-Soloabend in der Luxemburger Philharmonie mit großem Orchester und Chor.

Dank meiner herrlichen drei Kinder bin ich immer selbstständig geblieben und somit nie in den Routinebetrieb der Opernhäuser geraten. In einer Reihe von Gastspielen auch mit großen Rollen lernte ich die Bühnenwelt, ihre Faszination und auch ihre Begrenztheit kennen. Dennoch habe ich größten Respekt vor der Leistung der Sängerkollegen im Festengagement.

Ich habe mir so aber die Freiheit nehmen können, Themen auf die Bühne zu bringen, die ich für wichtig halte. Mein aktuelles Projekt AVRAM hat mich in völlig andere, faszinierende musikalische Zusammenhänge gebracht. Mit Jazz- und Weltmusikern verschiedener Kulturen habe ich Programme entwickelt, die den Dialog der Kulturen und Religionen thematisieren. Begegnung auf Augenhöhe, das Entwickeln einer gemeinsamen, neuen Musiksprache, der Beweis, dass ein Miteinander funktioniert, dass Friedensfähigkeit erlernt werden kann – auch wenn sich auf der Weltbühne gerade wieder einmal das Gegenteil behaupten will.

Frage: Was sind die nächsten Ziele?

Antwort: Immer wieder in die Energie und Vollendung der Klassik einzutauchen - es stehen für 2015 einige interessante Konzertprogramme an. Parallel die Herausgabe der zweiten AVRAM CD „All in one“, die zeitgleich mit der Ausstrahlung des Kinofilms „Der Medicus“ in der ARD erscheinen soll. Für den Film habe ich den Gesang entwickelt und eingespielt. Seit Anfang des Jahres bin ich Hochschuldozentin in Bonn und freue mich, mein Wissen über diese schöne Kunst weitergeben zu können. Erfreulicherweise gibt es eine große Nachfrage zum Thema Gesang, daher bin ich dabei, mein Lehrangebot auszubauen. Ich weiß, dass jeder Mensch singen kann und bin davon überzeugt, dass Menschen die singen, glücklicher sind. wi

iWeitere Informationen unter www.schirinpartowi.de oder www.avram-ensemble.de