Kriegsgefangenschaft – drei Worte retteten das Leben

Detmar Heller von Gut Glindfeld bei Medebach mit den Erinnerungen an seine Kriegsgefangenschaft in Georgien
Detmar Heller von Gut Glindfeld bei Medebach mit den Erinnerungen an seine Kriegsgefangenschaft in Georgien
Foto: Rita Maurer
Detmar Heller vom Gut Glindfeld in Medebach hat den zweiten Weltkrieg und die russische Gefangenschaft überlebt. Eine georgische Ärztin rettete ihn.

Gut Glindfeld.. „Moiza, moiza qalo“ – diese drei Worte auf georgisch, deren Übersetzung er damals noch nicht mal kannte, haben Detmar Heller (88) von Gut Glindfeld im Jahr 1947 das Leben gerettet. Der zu dem Zeitpunkt 19-Jährige kam mit 17 Jahren in russische Kriegsgefangenschaft und war durch die katastrophalen Bedingungen todkrank geworden. Er lag bereits auf einer Pritsche, die für Sterbende vorgesehen war, als er diese Worte zu einer georgischen Ärztin sagte. Sie bedeuten „Warte auf mich, wunderschöne Frau“, wie er anschließend von ihr erfuhr. Die Ärztin setzte sich daraufhin unter eigener Lebensgefahr für ihn ein, so dass Detmar Heller im Juli 1947 - abgemagert auf 48 Kilo - befreit wurde.

Im Kachelofen auf Gut Glindfeld flackert ein gemütliches Feuer, der Blick durchs Fenster fällt auf den tief verschneiten Gutsgarten, Sonnenstrahlen und Schneeflocken wechseln sich ab. Auf dem Tisch dampfen zwei Tassen Milchkaffee neben selbstgebackenen Mandelplätzchen. Detmar Heller sitzt in einem Ohrenbackensessel und erzählt - aber was er erzählt, passt so gar nicht in die wunderschöne, idyllische Landhaus-Atmosphäre drinnen und draußen. Beim Zuhören wird einem schaudernd die „Gnade der späten Geburt“ bewusst, die einen selbst vor Jugenderlebnissen wie denen von Detmar Heller bewahrt hat.

Vater von Gestapo fast erschossen

Mit sieben Jahren erlebte er, wie sein Vater von der Gestapo abgeholt wurde und nur knapp seiner geplanten Erschießung entging, weil er sich regimekritisch geäußert hatte und ein gutes Verhältnis zu Hellers jüdischen Nachbarn pflegte. In diesem Zuge wurde ein großer Teil von Gut Glindfeld enteignet.

Seine beiden älteren Brüder Anton und Claus fielen beide mit jeweils 21 Jahren an der Front, Claus zehn Tage vor Kriegsende. Detmar Heller selber sollte 1943 von der SS rekrutiert werden, weil er optisch den „arischen“ Ansprüchen der Nazis entsprach. Er konnte jedoch durchsetzen, dass er in das Gebirgsjäger-Regiment seines Bruders Anton nach Garmisch einberufen wurde. Noch am Bahnhof bat ihn ein Oberstleutnant, statt nach Garmisch mit ihm an die Westfront zu kommen. Heller lehnte nach kurzem Überlegen ab. Eine innere Stimme? Später bei der Ardennenoffensive fiel die meisten deutschen Soldaten aus diesem Regiment – wäre Heller dabei gewesen?

Auch eine Ausbildung als Reserveoffizier verweigerte Heller, obwohl sie ihm die russische Front erspart hätte. Jahre später erfuhr er, dass der größte Teil der Reserveoffiziersanwärter im März 1945 gefallen oder schwer verwundet worden war. „Mein Umweg über Russland hat sich gelohnt“, kommentiert Detmar Heller diese Fügung. Sein „Umweg“ begann Ende Januar 1945 mit einem Einsatz in der Hohen Tatra. Dort zog er sich bei einem Späher-Alleingang eine Verwundung durch eine Mine zu, rettete sich vor drei auf ihn schießenden russischen Soldaten, indem er sich erst in den Schnee eingrub und dann durch einen Fluss flüchtete, um keine Blutspur zu hinterlassen.

„Vergiss mich nicht, aber schreibe mir nie"

Dass Detmar Heller, der aus der behüteten Welt von Elternhaus und Schule nun den grausamsten Kriegseindrücken ausgesetzt wurde, mit seinen gerade 17 Jahren noch ein halbes Kind war, zeigte sich bei der Beschlagnahmung eines tschechischen Schlosses. Dort fand er eine Märklin-Eisenbahn und spielte selbstvergessen damit, bis ihn sein Feldwebel daran erinnerte, dass er zurück in den Krieg müsse: „Die Sinnlosigkeit all dieses Tuns überkam mich, paarte sich mit Heimweh und einer unendlichen Verlassenheit.“

In Prag gerieten Heller und seine Schwadron im Mai 1945 in russische Gefangenschaft und mussten 300 Kilometer durch sengende Hitze bis nach Pressburg laufen, um von dort unter unsäglichen Bedingungen in kaukasische Arbeitslager transportiert zu werden. Strapazen, die viele Soldaten nicht überlebten.

Die Stimme von Detmar Heller stockt, als er erzählt, wie er und seine Kameraden nach monatelangem Durst an einem Fluss zum ersten Mal wieder ausreichend Wasser zur Verfügung hatten. Oder wie ihm immer wieder hilfsbereite Georgier halfen und Lebensmittel zusteckten, obwohl sie selber wenig hatten und sich dadurch gefährdeten.

Verbundenheit mit Georgien

Eine besondere Erinnerung half ihm durch die schwersten Stunden: Wenn das Heimweh ganz schlimm wurde, stellte Detmar Heller sich das Geräusch der elterlichen Haustür vor. Oder er lief auf der Lagerstraße mal 20 Meter links, dann 30 Meter rechts – nur um das Gefühl zu haben, frei entscheiden zu dürfen. Im Januar 1946 wurde Detmar Heller in einem Kohlenstollen in der Nähe des Elbrus verschüttet und dabei am linken Bein schwer verletzt. Die durch dieses Unglück hervorgerufene Platzangst verfolgte ihn noch viele Jahre. Nach Zwischenstationen in mehreren anderen Lagern ging es im Juni nach Tiflis, der Hauptstadt von Georgien. Dort sollte er nun helfen, die heute noch existierende Radrennbahn gemeinsam mit einem Georgier winterfest zu machen.

Dieser ließ Heller die drei georgischen Worte „Moiza, moiza qalo“ nachsprechen, falls dieser einmal eine schöne Frau treffen sollte. Diese Gelegenheit kam im Januar 1947, als Detmar Heller bereits vom Tod gezeichnet war. Er flüsterte sie einer vorbeigehenden Ärztin zu, die ihm nach der ersten Überraschung versprach, dass er nicht sterben müsse, sondern nach Hause käme. Sie hielt ihr Versprechen, versorgte ihn mit Medikamenten und Nahrung und ließ sich später in sein Lager versetzen, von wo sie unter dem Vorwand, Heller sei tuberkulosekrank, im Juli 1947 seine Heimkehr durchsetzen konnte. Sie verabschiedete ihn mit den Worten: „Vergiss mich nicht, aber schreibe mir nie – es würde meinen Tod bedeuten.“

Ein blechernes Kochgeschirr, eine Seifendose, ein Messerchen - sein „Noschek“, eine geflochtene Baumwollschnur zum Feuermachen und ein paar abgelatschte Sandalen aus einem Stück Reifen und einigen Stoff-Fetzen – das sind die Überbleibsel aus dieser längst vergangenen Zeit, die so weit weg wirkt, Detmar Heller aber nie losgelassen hat. 1998 kehrte er zum ersten Mal zurück nach Georgien, um die Stätten seiner Gefangenschaft aufzusuchen und den herzlichen Menschen dort wieder zu begegnen, von denen ihm so viele geholfen hatten.

Doch auch nach der Gefangenschaft verlief sein Leben in Höhen und Tiefen. 1958 entkam er nur um wenige Meter einer explodierenden Mine bei Schmallenberg. Ein Jahr später erkrankte seine erste Frau und ließ ihn 1966 mit seiner achtjährigen Tochter als Witwer zurück. In den Jahren 2000 und 2001 überlebte er nur knapp zwei schwere Verkehrsunfälle.

Detmar Heller ist in seinem Leben stets einmal öfter aufgestanden als hingefallen: „Mich haben immer Engel schützend begleitet. Ich danke ihnen. Mögen sie weiter bei mir bleiben“.