Kriegsende in Medebach - Günter Langen erlebte Bombenangriff

Auf Christi Himmelfahrt 1945 stürzte ein deutsches Flugzeug bei Medebach ab, der Pilot aus Medebach und zwei Krankenschwestern wurden vor den Augen der Prozessionsteilnehmer abgeführt.
Auf Christi Himmelfahrt 1945 stürzte ein deutsches Flugzeug bei Medebach ab, der Pilot aus Medebach und zwei Krankenschwestern wurden vor den Augen der Prozessionsteilnehmer abgeführt.
Foto: Heimat- und Gechichtsverein Medebach
Was wir bereits wissen
Ehren-Bürgermeister Günter Langen erinnert sich noch ganz genau an das Kriegsende in Medebach vor 70 Jahren. Aus dem kleinen Rheinländer Günter war ein echter Sauerländer geworden.

Medebach.. „Isch trinke keine Milsch von der Kuh, isch trinke nur Milsch vom Milschmann!“ Mit vier Jahren war das die felsenfeste Überzeugung des Medebacher Ehren-Bürgermeisters Günter Langen, der ursprünglich in Düsseldorf geboren wurde. Doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus, der Vater wurde sofort eingezogen und seine aus Medebach stammende Mutter flüchtete mit ihm zu ihren Eltern Wilhelm und Elisabeth Busch.

Heute vor 70 Jahren ging dieser Weltkrieg zu Ende. Aus dem kleinen Rheinländer Günter war ein echter Sauerländer geworden, dessen Lebensweg durch die Kriegszeiten entscheidend geprägt wurde und der bis heute noch sehr einschneidende Kindheitserinnerungen an diese dunkle Phase der deutschen Geschichte hat.

Die ersten Kriegsjahre verliefen ruhig, von den Kämpfen an den Fronten war in Medebach nicht viel zu spüren. Eine der spannendsten Erinnerungen von Günter Langen an diese Zeit ist somit die Fahrt mit der Kleinbahn über die Spitzkehre bei Küstelberg. Mit der ganzen Grausamkeit des Krieges wurde er als Neunjähriger erstmals am 29. Januar 1945 konfrontiert, dem Tag des einzigen Bombenangriffs auf Medebach.

Klassenkameradin starb bei Bombenangriff

Im Haus Pöllmann, das an der Stelle des heutigen Rathauses stand, kamen fünf Menschen um, darunter seine Klassenkameradin Annette. Beim Gedanken an ihre Beerdigung, an der die ganze Klasse damals teilnahm, stehen Günter Langen auch heute noch die Tränen in den Augen: „Sie lag da im offenen Sarg aufgebahrt, dabei war sie doch eine von uns, wir haben uns jeden Tag getroffen und wollten zusammen zur Erstkommunion gehen.“

[kein Linktext vorhanden] Diese Erstkommunion musste ausfallen, denn genau zwei Monate später am Gründonnerstag wurde Medebach von amerikanischen Truppen besetzt, die den sogenannten „Ruhrkessel“ schließen wollten.

Weiße Tücher an allen Fenstern

Die Mutter von Günter Langen hängte aus jedem Fenster ein weißes Tuch. Da kein Medebacher Widerstand leistete, waren die amerikanischen Soldaten schon am Karfreitag kampflos Richtung Küstelberg weitergezogen – nicht, ohne vorher noch Schokolade an die deutschen Kinder zu verteilen. Doch am Karsamstag gab ein deutscher General, der sich auf Gut Glindfeld einquartiert hatte, den Befehl zur Rückoberung Medebachs mit den Worten: „Wir schießen das Kaff in Schutt und Asche!“ Anton Heller, der Besitzer des Gutes, hatte vergeblich versucht, ihn aufzuhalten.

Heftige Kämpfe über Ostern 1945 in Medebach und Umgebung

So kam es in und um Medebach zu heftigen Kämpfen über Ostern. Günter Langen verbrachte diese Zeit mit seiner Familie und mehreren Nachbarn dicht gedrängt in einem selbstgegrabenen engen Stollen ohne Essen im Garten, auch sein 89-jähriger Opa war mit dabei. Als Günter Langen in einer Feuerpause einige Eier von der Nachbarin holen wollte, fand er an der Hausecke einen toten deutschen Soldaten: „Den schrecklichen Anblick seines Kopfschusses werde ich niemals mehr vergessen.“

Werkstattgespräch Viele Soldaten und auch einige Zivilisten fielen in diesen Ostertagen, der Küstelberger Pastor Bartels erteilte bei der Ostermesse angesichts der schlimmen Straßenkämpfe allen Medebachern vorsichtshalber die Generalabsolution.

Ein weiteres Erlebnis bei Kriegsende lässt Günter Langen bis heute nicht los. Er war mit seinem Freund aus der Nachbarschaft bei Glindfeld unterwegs, um Holz zu sammeln, als die beiden im Wald auf zwei deutsche Soldaten in Zivil trafen. Diese fragten die Jungen, welchen Weg sie nehmen sollten, um nicht den Amerikanern in die Hände zu fallen. Günter Langen und sein Freund rieten den beiden, um den Berg „Kahlen“ herum Richtung Medelon zu gehen, da Medebach besetzt war.

Beim Anblick der Kriegsgefangenen bitterlich geweint

Die Soldaten folgten ihrem Hinweis. Keiner der vier hatte jedoch bemerkt, dass in dem Moment ein Aufklärungsflugzeug über ihnen kreiste. Günter Langen bricht es 70 Jahre später noch die Stimme, als er erzählt, wie rund zehn Minuten später ein amerikanischer Jeep an den beiden Jungen vorbeigefahren kam – von der Ladefläche blickten sie die gefangen genommenen Soldaten an: „Bis heute verfolgt mich ihr Blick und der Gedanke, dass diese Soldaten vermutlich glaubten, wir hätten sie mit Absicht verraten! Ich habe bitterlich geweint deswegen."

Günter Langen blieb nach dem Kriegsende in Medebach

Weil sein Vater wegen eines Beindurchschusses nicht mehr in seinem alten Beruf arbeiten konnte und die Wohnung in Düsseldorf durch Bomben zerstört worden war, zog Günter Langen mit seiner Familie nicht wieder zurück, sondern blieb in Medebach, in das ihn der Krieg verschlagen hatte. Nach seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann in einem Tee- und Kaffeekontor in Hamburg schlug er eine lukrative Stelle in Indien aus und kehrte stattdessen nach Medebach zurück, wo er heiratete und die Kaffeerösterei Langen gründete.

Städte-Partnerschaft 23 Jahre lang, von 1975 bis 1998, leitete er die Geschicke von Medebach als Bürgermeister, von 1990 bis 2005 war er außerdem Mitglied des Landtages in Düsseldorf. Der Frieden, der in Deutschland heute seit 70 Jahren anhält, war und ist Günter Langen ein großes Anliegen.

Städtepartnerschaften eine Basis für den Frieden

Deshalb setzt er sich maßgeblich für die Medebacher Städtepartnerschaften mit Locminé, West-Lothian und Worbis ein. „Der Frieden beginnt in der Familie, der Nachbarschaft, dem Zusammenleben im Ort und geht über die Ländergrenzen hinweg. Jeder sollte seinen Beitrag dazu leisten, damit niemand mehr solche Bilder sehen muss, wie wir sie als Kinder erlebt haben.“