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Hexenprozesse

Kleine Eiszeit entfachte die Scheiterhaufen

19.10.2012 | 17:49 Uhr
Kleine Eiszeit entfachte die Scheiterhaufen
Hexenverfolgung Pfarrer Hartmut HegelerFoto: wp

Hallenberg . „Man solle verbrennen Sie zu Tode“ unter diesem furchteinflößenden Titel zeigt das Info-Zentrum Kump vom 26. Oktober bis zum 30. November eine Ausstellung, die das dunkle Kapitel „Hexenprozesse“ behandelt. Vor einem Jahr hatte der Hallenberger Rat auf Vorschlag des Stadtarchivars Georg Glade einstimmig durch einen Beschluss anerkannt, dass allein in Hallenberg mehr als 200 Opfern von Hexenprozessen Unrecht widerfahren ist. Ein moralisches, symbolisches Schuldbekenntnis. So kam der Kontakt zu Hartmut Hegeler zustande. Der ev. Pfarrer im Ruhestand ist Experte auf dem Gebiet und wird die Ausstellung nächsten Freitag, 19 Uhr, eröffnen.


Wie sind Sie zum ersten Mal mit Hexenverfolgung und -prozessen konfrontiert worden?
Das Thema kam zu mir. Vor zehn Jahren sprachen mich Schülerinnen eines Berufskollegs an. Wir müssten über dieses düstere Kapitel reden. Sie stellten damals die Frage: Sind diese Opfer eigentlich je rehabilitiert worden? Ich wusste zu dem Zeitpunkt wenig über das Thema. Ich war ursprünglich der Meinung, Hexenprozesse hätte es nur in katholischen Gegenden gegeben, dabei brannten die Scheiterhaufen genauso in evangelischen Regionen. Es waren nicht kirchliche, sondern fürstliche oder kommunale Gerichte. Und es waren nicht nur Frauen, die denunziert, gefoltert und verbrannt wurden. 25 bis 30 Prozent der Opfer waren Männer und leider auch Kinder. Immer waren es vier Anklagepunkte: Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Teilnahme am Hexensabbat und Schadenszauber gegen Wetter, Mensch oder Tier.

Ist Ihnen bei Ihren Recherchen ein besonderer Fall in Erinnerung geblieben?

Am meisten hat mich das Schicksal eines neunjährigen Mädchens aus Schmallenberg-Oberkirchen bewegt. Es wurde Anno 1630 der Zauberei beschuldigt und vom Richter unter Druck gesetzt, die Namen weiterer Hexen zu nennen. Und wen kennt so ein neunjähriges Mädchen? Seine Familie, die Nachbarn und Verwandten. In drei Monaten landeten 56 Menschen auf dem Scheiterhaufen - darunter auch das Kind Christine Teipel.

Haben Sie bei Ihren Recherchen einen Grund gefunden, warum man auf so abstruse Ideen kommen konnte? Es gibt doch nun mal keine Hexen und das Wetter kann doch auch niemand zaubern?
Der Schwerpunkt der Hexenprozesse spielte sich im 16. und 17. Jahrhundert ab. Diese Phase ging mit einer kleinen Eiszeit einher. Es gab schlechte Ernten, die Menschen hatten Hunger, waren anfällig für Krankheiten und suchten für all das eine Erklärung. Der Unmut projizierte sich plötzlich auf Nachbarn oder andere Dorfbewohner. Schnell war ein Gerücht über jemanden in der Welt, das eine Eigendynamik entwickelte. Und das ist heute leider nicht anders. Früher hieß das Folter, heute ist das üble Nachrede oder auch Mobbing.

Bislang gibt es bundesweit erst 23 Kommunen, die die Opfer von Hexenprozessen nachträglich rehabilitiert haben. Aber es waren doch bestimmt mehr Städte betroffen?
Viele Städte machen immer noch einen Bogen um ihre eigene Geschichte und haben Angst vor Nestbeschmutzung. Leute sagen: Warum regen Sie sich so auf? Irgendwas wird schon an den Beschuldigungen dran gewesen sein, sonst wären sie doch nicht von einem Gericht verurteilt worden. In Münster gab es noch vor 18 Jahren Proteste, weil eine Straße nach einer Magd benannt werden sollte, die als Kindsmörderin und Hexe verurteilt worden war. Das Geständnis hatte man unter Folter erpresst. In Düsseldorf hat ein katholischer Theologe einen Gegenantrag zur Rehabilitation der Opfer gestellt. Es habe immer schon Menschen gegeben, die sich verbotenerweise mit dem Teufel eingelassen hätten. Naja, und es gibt ja heutzutage auch immer noch in katholischen Diözesen Exorzismus-Beauftragte. Insofern kann man der Stadt Hallenberg nur zu ihrem mutigen Schritt gratulieren.

Haben Ihre Schülerinnen sich oder Sie nie gefragt, ob denn nicht einer der Christen gegen diese Folterei aufgestanden ist?
Doch, genau diese Frage wurde gestellt. Durch Zufall stieß ich in Schmallenberg-Holthausen auf eine Tafel mit der Inschrift „Anton Praetorius – Kämpfer gegen Folter“. Über ihn habe ich ein Buch geschrieben. Wegen seiner schonungslosen Kritik an Folter und menschenunwürdigen Gefängnissen seiner Zeit wird er als Vorläufer von „amnesty international“ bezeichnet. 1597 gelang es Praetorius, eine als „Hexe“ angeklagte Frau aus der Folterkammer zu befreien. Er nahm die Bibel mit zur Folterkammer und sagte: Hier steht nur etwas von Nächstenliebe und Vergebung!

Thomas Winterberg


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