Kinder durch Ideen und Erfahrungen fördern

Köchin spielen ist seit 100 Jahren schön: Die Sternschnuppen haben ihre Kindergartenleiterin Birgit Peters zu Pizza mit viel Sahne und Puderzucker eingeladen. Soooo lecker!!
Köchin spielen ist seit 100 Jahren schön: Die Sternschnuppen haben ihre Kindergartenleiterin Birgit Peters zu Pizza mit viel Sahne und Puderzucker eingeladen. Soooo lecker!!
Foto: Rita Maurer
Vor 100 Jahren wurde der heutige Kindergarten Edith Stein in Winterberg gegründet.

Winterberg.. „Ein Kleinkind ist dumm und nicht bildungsfähig“ – das war der pädagogische oder eher nichtpädagogische Grundtenor vor 100 Jahren, als der heutige Kindergarten Edith Stein gegründet wurde. Er bekam damals den treffenden Namen „Kinderbewahrschule“. Der Erste Weltkrieg war gerade ausgebrochen und viele Männer an der Front. Die Familien brauchten eine Unterkunft für ihre Kleinkinder, während sie meistens in der Landwirtschaft arbeiteten. Spielzeug war noch weitgehend unbekannt und zu teuer, die Kinder wurden mit Sing- und Reigenspielen beschäftigt.

Seitdem hat sich fast alles geändert. „Psychologen und Pädagogen sind heute der Meinung, dass Kinder nie wieder in ihrem Leben so gut und viel lernen können wie in ihren ersten Jahren, deshalb ist die Bildung der Kinder unser größter Auftrag“, berichtet Birgit Peters, die die heutige „Kita Edith Stein“ seit 17 Jahren leitet. Dabei steht in ihrer Kita jedoch kein Fördertraining, sondern „Bildung aus erster Hand“ im Vordergrund: „Die Kinder sollen ihre Erfahrungen selber machen und erleben und daraus lernen.“

Die alte Rolle der Erzieherin als Anbieterin von Beschäftigungsvorschlägen habe sich gewandelt: „Bei uns sind die Erzieherinnen nicht mehr wie früher dazu da, die Kinder alle gemeinsam zu bespaßen und ihnen Aktivitäten vorzumachen, sondern sie beobachten die Kinder und geben ihnen Impulse, damit diese individuelle eigene Ideen entwickeln können. Das geht manchmal auch schief, zumal dabei täglich der Spagat zwischen den ganz kleinen und den größeren Kindern gefordert ist. Fehler und Umdenken auf beiden Seiten gehören dazu“, beschreibt Birgit Peters das pädagogische Konzept ihres Kindergartens.

Elterngespräche nach Bedarf

Gespräche mit den Eltern gibt es nicht mehr an festgelegten Elternsprechtagen, sondern immer, wenn Bedarf besteht, z.B. durch einen Entwicklungsschritt: „Das kann bei den ganz kleinen Kindern täglich sein, weil sie in dieser Phase sehr viel dazu lernen. Die Eltern kennen ihre Kinder am allerbesten, deshalb ist es auch für uns sehr wichtig, im laufenden Kontakt zu sein.“ Der Blick sei – auch durch die seit acht Jahren geforderten Dokumentationen – mit Wertschätzung ganzheitlich auf die Stärken und Schwächen der Kinder gerichtet, statt sie wie früher daran zu messen, wo sie nicht einer Norm entsprächen.

„Ihr habt sie doch nicht alle“

Diese seit 1998 umgesetzten pädagogischen Ansätze stoßen nicht überall auf Gegenliebe: „Ihr habt sie doch nicht alle“, sei noch eine vergleichsweise freundliche Beurteilung, schmunzelt Birgit Peters. Auch für einige Kinder sei es unbequem, sich selbst Gedanken zu machen, da sie durch übervolle Terminkalender verlernt hätten, frei und mit eigener Fantasie zu spielen.

Wenn man durch die Räume der Kita geht, fällt sofort auf, dass die Wände vergleichsweise kahl sind. Die Tische stehen nicht in Gruppen, sondern entlang des Fensters mit freiem Blick nach draußen. In der Rollenspiel-Ecke gibt es eine Bühne, die Verkleidungen hängen an Haken, im Regal steht echtes Porzellan, das Spiel-Angebot ist auf den ersten Blick sichtbar. Und die Art des Angebots haben die Kinder mitbestimmt; sie überlegen, welches Spielzeug sie für eine bestimmte Zeit haben wollen und stimmen dann darüber ab.

Auch bei Neukäufen können die Kinder mitentscheiden und müssen dabei das vorhandene Budget berücksichtigen. Für Unternehmungen organisieren sie selbstständig Hilfe und sprechen Erwachsene an. Ist das nicht manchmal zu viel verlangt? „Nein, die Kinder können oft mehr, als man ihnen anfangs zutraut“, weiß Birgit Peters aus Erfahrung. „Sie lernen, altersentsprechend Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und teamfähig zu werden, denn das sind die Grundlagen unserer Gesellschaft. Sie müssen dabei auch mit Enttäuschungen umgehen.“

An einer Tür prangt eine riesige, windschiefe Geburtstagstorte mit unzähligen Kerzen: „Das ist eine Idee der Kinder. Wir haben gemeinsam überlegt, wie wir den Geburtstag der Kita feiern und ihnen die unvorstellbare Zahl 100 erklären. Sie wollten eine Torte mit Kerzen, außerdem eine tolle Feier mit Musik und vielen Gästen.“ Und die werden sie am Pfingstmontag beim großen Kindergarten- und Pfarrfest ganz bestimmt auch bekommen!