Karnevalsflüchtlinge zieht es zum Skifahren ins Sauerland

Die Pisten rund um Winterberg füllen sich auf Weiberfastnacht auch mit Karnevalsflüchtlingen.
Die Pisten rund um Winterberg füllen sich auf Weiberfastnacht auch mit Karnevalsflüchtlingen.
Foto: MATTHIAS GRABEN
Was wir bereits wissen
Bei wunderbarem Winterwetter dient das Sauerland als perfektes Exil, um der närrischen Zeit zu trotzen. Skifahren statt Kamelle ist das Motto.

Winterberg.. Das Glück dieser (Winter-)Welt spiegelt sich in Michael Hebers Ski-Brille. Zu sehen sind: der tiefblaue Himmel, die Sonne, die schönste Strahlen von sich gibt. „Traumhaft“, sagt der Düsseldorfer am Winterberger Skigebiet Poppenberg. Und fügt hinzu: „Mit Karneval habe ich nichts am Hut.“

Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Rheinländer hat sich um 5 Uhr in sein Auto gesetzt und ist zu seiner Sauerland-Tour gestartet. Dass in der einen oder anderen Hütte Karnevalsmusik ertönt, stört ihn nicht: „Ich arbeite in der Skihalle Neuss und bekomme täglich das Après-Ski mit“, sagt Heber. „Ich bin abgehärtet, was die Musik angeht.“ Schließlich seien Après-Ski-Hits und Karnevalsmusik doch sehr ähnlich. Sagt’s und zieht mit seiner Karnevals-Karawane (die Freunde Yannes, Marc und Klaus) weiter.

Ganzkörper-Dinosaurier

Karnevalsflüchtlinge sind auch die Schwestern Konni und Elli Borchert. Und das als Kölnerinnen? „Wir sind als Kinder aus dem Norden ins Rheinland gezogen“, sagt Elli, die ältere von beiden. Und Konni ergänzt: „Direkt vor meiner Wohnung stellt sich ein Karnevalsumzug auf. Da flüchte ich lieber.“

Die beiden Skifahrerinnen lachen vor Möppi’s Hütte mit der Sonne um die Wette. Und ziehen viele Blicke auf sich. Denn sie sind als Ganzkörper-Dinosaurier und -Drache verkleidet. Mit solchen - sagen wir es, wie es ist: Karnevalskostümen - fällt man an diesem Skitag in Winterberg auf. Und das als Jecken-Muffel? „Wir haben die Teile irgendwann bei Amazon gekauft“, sagt Konni. „Ist doch heute eine gute Gelegenheit, sie zu tragen. Auch wenn sie verdammt warm sind.“

Warm ums Herz wird es auch Heide Laue und Marlies Niewöhner, Teilnehmerinnen der Seniorenfreizeit des Ski-Clubs Lingen an der Ems. Eine Stadt in Niedersachsen, bislang nicht unbedingt als Epizentrum des närrischen Treibens bekannt, oder? „Bei uns wird auch Karneval gefeiert“, sagt Heide Laue. Am Montag zieht laut Internetseite der Stadt ein „großer“ Rosenmontagsumzug durch die Straßen. Am Abend wollten die beiden Damen aus Lingen „so richtig Weiberfastnacht“ in Winterberg feiern.

Die Ruhe des Sauerlandes

Zum Feiern ist Ilse Beyl nicht gekommen. „Ich war 33 Jahre aktive Karnevalistin“, sagt die Rheinländerin am Skilift. „Irgendwann ist es gut.“ Bis Dienstag ist sie mit Sohn Marius im Sauerland und genießt die Ruhe, wie sie sagt. Und das Winterwunderland Winterberg.

Das Wetter spielt den Touristikern in die Hände. Entsprechend zufrieden ist Winterbergs Tourismusdirektor Michael Beckmann. Wie immer seien zahlreiche Gäste aus den Niederlanden da, aber auch Skifahrer aus Dänemark („das entwickelt sich zu einem interessanten Markt“).

Skifahren oder Wandern

Nicht zu vergessen „Menschenmassen“ aus dem Rheinland. „Weil dort Unternehmen Betriebsferien über die Karnevalstage machen, nutzen viele die Chance, bei uns Ski zu fahren oder in traumhafter Umgebung zu wandern.“

Um Betriebsferien müssen sich Günter Busacker (73) und Adolf Lentzen keine Gedanken machen. Sie holen am Parkplatz des Skigebiets Bremberg Skier und Schuhe aus dem Kofferraum ihres Wagens. Karnevalsflüchtlinge? „Ein klares Jein“, sagt Busacker, „lieber Sport als einarmiges Reißen.“ Die beiden Männer aus Bergheim bei Köln sind am Mittwoch zusammen gewandert, haben spontan entschlossen, erstmals nach Winterberg zum Skifahren zu fahren („unsere Frauen waren einverstanden“). Sie wollen „ausloten“, wie es sich mit dem Wintersport im Hochsauerland hält. „Proviant“ für unterwegs haben sie mitgebracht: Schokoladen-Kugeln. Günter Busacker drückt dem Reporter ein Exemplar in die Hand. „Das ist bei uns die Anti-Baby-Pille“, sagt er und lacht. „Sie sehen, wir sind aus dem Rheinland.“

Mit dem Karneval und den niederländischen Krokusferien beginnt an diesem Wochenende die zweite Hochsaison in der Wintersport-Arena Sauerland. Mit der aktuellen Schneelage scheint der Wintersport in dieser Zeit sicher zu sein.