Jeder Hieb muss sitzen bei den Kampfszenen

Separat von ihren Textproben üben sich die Akteure der Freilichtbühne Hallenberg zurzeit im Bühnenfechten.
Separat von ihren Textproben üben sich die Akteure der Freilichtbühne Hallenberg zurzeit im Bühnenfechten.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Einer für alle - alle für einen: Fechten steht bei den Mitspielern des Erwachsenenstücks „Die drei Musketiere“ momentan auf dem Trainingsplan. Premiere ist am 13. Juni.

Hallenberg..  Sie tragen Trainingsbuxen und T-Shirts. Musketiere sehen irgendwie anders aus. Aber daran arbeiten sie ja auch noch. Die 14-köpfige Gruppe erinnert an diesem fast sommerlichen Abend im ersten Moment an einen Lauf-Treff. Doch ihre sportlichen Übungen auf dem Außengelände des Schulzentrums machen stutzig. Die Truppe trainiert nicht für den Kampf gegen Kalorien oder für Kondition; sie alle sind Kämpfernaturen im Erwachsenenstück „Die drei Musketiere“, das am 13. Juni Premiere feiert.

„Wir machen den Bergsteiger“, ruft Stefan Mielich und geht in eine Art Liegestütz-Position. Jetzt schnellen die Beine abwechselnd nach vorn. Das Ganze zehn Mal. Und Wiederholung! „Warum kann ich Dich auf einmal nicht mehr leiden?“, zischelt es aus der hinteren Reihe. Alle lachen. Aber da müssen sie durch. Männer und Frauen. Seit Dezember werden die Kampfszenen in der Turnhalle geprobt. Und der 25-jährige Stefan Mielich, der in Marburg Rechtswissenschaften studiert, hat das Training der Truppe übernommen. Erst hat der Leipziger Hochschullehrer für Bühnenfechten und Akrobatik, Professor Claus Großer, die glorreichen Vierzehn mit dem Degen „eingenordet“. Aber wenn der 67-jährige Dozent, der auch an der Filmuni Babelsberg unterrichtet, nicht im Sauerland ist, muss jemand anders die Spieler fit machen.

Und Stefan Mielich hat riesigen Spaß am Fechten; ja er ist sogar darüber zur Bühne gekommen. Als das Theater 2008 „Cyrano de Bergerac“ spielte, wurden noch dringend Leute für den Kampfsport mit filigraner Waffe gesucht. „Und weil ich das immer schon mal machen wollte, habe ich spontan zugesagt.“ Einerseits ist bei dem jungen Hallenberger von damals noch sehr viel hängen geblieben und andererseits hat er es offenbar technisch und sportlich so gut drauf, dass man ihm das kleine Kämpfer-Heer gern anvertraut hat.

Kein wildes Improvisieren

Inzwischen veranstalten die Musketiere und ihre Gegenspieler Trockenübungen wie beim Skateboardfahren, hüpfen auf der Stelle, recken die Arme in die Luft und machen sich warm für den Degen. Jetzt heißt es endlich „En garde!“, also „Kampfposition einnehmen“! Natürlich sind die Dinger vorne stumpf, aber wer nicht aufpasst, kann den Partner (beim Bühnenfechten gibt es keine Gegner) trotzdem verletzen. „Wichtig ist, dass die Akteure ihre Waffen unter Kontrolle halten. Wenn der Andere auf einen Hieb oder Stich nicht pariert, darf er trotzdem nicht getroffen werden“, sagt der Hochschulprofessor und Sportwissenschaftler immer wieder. Erst am Wochenende war er wieder zu Gast auf der Bühne. „Beim ersten Workshop haben wir nach dem ersten Trainingstag Muskeln gespürt, die wir vorher gar nicht kannten“, sagt Thomas Knecht oder Musketier Athos, „aber inzwischen geht es erstaunlich gut.“

D’artagnan (Lukas Schöttler) ficht unterdessen einen Kampf mit seinem Vater (Rüdiger Eppner). „Man muss sehr aufeinander aufpassen und immer schauen, welche Aktion der andere macht und mit welcher Reaktion man antwortet“, erklären die beiden. Irgendwie erinnert das Ganze ans Tanzen. Einziger Unterschied: Dort führt i m m e r der Mann, hier wechselt es zwischen Angreifer und Verteidiger – egal welchen Geschlechts. „Der Vergleich passt durchaus“, sagt Musketier Porthos (Stefan Pippel), der auch Spielleiter ist. Denn jede Kampfszene ist eine einstudierte Choreographie. Kein Hieb, kein Stich sind Zufall und wildes Improvisieren während eines Theater-Duells könnte unangenehme Folgen haben und den Mitspieler im wahrsten Wortsinn über die Klinge springen lassen. Denn die Akteure tragen Kostüme und keine Schutzanzüge.

„Jede Kampfszene ist noch einmal in kleine Pakete unterteilt. Und wenn wirklich mal jemand eine Handlung vergisst, dann ruft man sich zu, „Paket zwei“ oder „,Jetzt auf den Kopf’“, erklärt Claus Großer. Bislang haben die Hallenberger nur in der Schule oder draußen auf flachem Gelände geprobt. Ganz zu Anfang standen die Kommandos des Fecht-Profis aus Leipzig. Das klingt dann etwa so: „Begrüßung, Parade, Verteidigung, Angriff, Quart-Schritt rückwärts, Kopf-Hieb mit Patinando!” Sehr schnell hatten die Akteure den Bogen mit dem Degen raus und spulten auf Zuruf ihr Programm ab. Denn eigentlich ist jede Kampfszene ein „Tanz“ für sich. Schon bald geht es ins mitunter steile Gelände des Freilufttheaters. Und dann kommt auch noch das Sprechen hinzu. Konzentration, Koordination, Kommunikation und Kooperation sind gefragt.

„Lieber fechten als tanzen!“

Bis zur Premiere sind noch viele Attacken und Paraden zu üben. Aber für Lukas Schöttler steht trotz aller Parallelen ganz klar fest: „Lieber fechten als tanzen!“ Einer für alle, alle für einen!