In Obermarsberg läutete in Neujahrsnacht die Totenglocke

Nikolaikirche und Stiftskirche St. Petrus und Paulus, Obermarsberg, Marsberg, Sauerland, Hochsauerlandkreis, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Europa
Nikolaikirche und Stiftskirche St. Petrus und Paulus, Obermarsberg, Marsberg, Sauerland, Hochsauerlandkreis, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Europa
Foto: www.blossey.eu
Was wir bereits wissen
Am 1. Januar 1975 trat nach rund 1200 Jahren Stadtgeschichte der Verlust der Selbstständigkeit ein.

Marsberg/Brilon. Dem Neujahrsläuten folgten die Töne der Trauer: In der Nacht zum 1. Januar 1975 erklang auf dem Eresberg die Totenglocke. Friedhelm Bracht, ehemaliger Ortsvorsteher von Obermarsberg, kann sich noch gut daran erinnern. Endete mit der Kommunalen Neugliederung vor 40 Jahren doch die Eigenständigkeit der 1200 Jahre alten Stadt.

Die Neugliederung hat vor allem im nördlichen Teil des Kreises Brilon für heftige politische Diskussionen gesorgt. Neben der - wie gestern berichtet - grundlegenden Debatte über die künftige Zugehörigkeit zum neuen Hochsauerlandkreis oder zum Kreis Paderborn, spielten die alten Differenzen zwischen Ober- und Niedermarsberg eine Rolle.

Das bis dahin amtsunabhängige Obermarsberg wollte eine selbstständige Stadt bleiben. Auch wegen ihres umfangreichen Waldbesitzes, der in den Besitz der neuen Stadt Marsberg überging. Und die Oberstadt hatte eine niedrige Prokopfverschuldung. Sie wollten nicht die Schulden von Niedermarsberg mit übernehmen. Mit aller Kraft setzten sie sich für den Erhalt ihrer Selbstständigkeit ein. Aus Protokollen der Stadtratssitzungen geht hervor, dass Bürgermeister Dicke schon im April 1970 bekannt gab, dass auf Vorschlag des Oberkreisdirektors sich die Städte Niedermarsberg und Obermarsberg doch schon vor der unausweichlichen Zusammenlegung durch den Gesetzgeber auf freiwilliger Basis vereinen mögen. Der Rat lehnte das ab.

Oberkreisdirektor des Kreises Brilon war Dr. Adalbert Müllmann. Der heute 92-Jährige schreibt in seinem Rückblick, dass der Bürgermeister Dicke das von Bürgermeister Ising aus Niedermarsberg angebotenes Kontaktgespräch „rundweg abgelehnt“ habe.

„Sogwirkung“ von Paderborn

Nachdem der Neuordnungsvorschlag des Oberkreisdirektors bzw. des Innenministers vorlag, brauchte der Rat der Stadt Obermarsberg drei Sitzungen, um sich endgültig zu entscheiden. Am 5. April 1974 vermerkt das Protokoll, dass der Rat „nicht ohne weiteres dem Vorschlag des Innenministers – Einheitsgemeinde Marsberg – und schon gar nicht dem im Entwurf vorliegenden Gebietsänderungsvertrag zustimmen“ könne.

Zweimal wurde erneut verhandelt. Bei drei Gegenstimmen und einer Enthaltung wurde folgende Stellungnahme beschlossen: „Grundsätzlich wendet sich der Rat der Stadt Obermarsberg gegen eine Neugliederung und die Aufgabe ihrer Selbstständigkeit. Der Rat ist der Ansicht, dass die geplante Neugliederung für die Bevölkerung der Stadt Obermarsberg keine Vorteile, sondern Nachteile mit sich bringt. (Aufgabe des Verwaltungssitzes, Erhöhung der Gebühren, Beiträge und der Realsteuerhebesätze). Der Rat der Stadt Obermarsberg sieht jedoch keine Möglichkeit, die Neugliederung zu verhindern, damit die Selbstständigkeit der Stadt erhalten bleibt.“

Mit einer Resolution verlangte der Rat der Stadt Niedermarsberg am 9. April 1974, die Zuordnung der künftigen Stadt Marsberg zum neuen Kreis Paderborn. Die Marsberger sahen schwarz für ihre Region, weil der neue Sitz der Kreisverwaltung im wirtschaftlich starken Westen, in Arnsberg, liegen sollte - 70 km entfernt. Bei einer Zuordnung zum Kreis Paderborn bliebe angesichts der gerade einmal halb so großen Entfernung die angestrebte Bürgernähe erhalten.

Der „Sogwirkung und Attraktivität, die die zu erwartende Großstadt Paderborn für den Raum Marsberg darstellt“, könne diese in entgegengesetzter Richtung“, nämlich vom Raum Arnsberg-Neheim, „nicht annähernd erwarten“. Und: „Der zunehmenden Intensivierung der wirtschaftlichen Verflechtung mit der Stadt Paderborn wird sich die Stadt Marsberg selbst dann nicht entziehen können, wenn sie politisch einem anderen Kreis zugeordnet ist.“

Die Kreisverwaltung sah sich daraufhin veranlasst, per Flugblatt die Bevölkerung von Niedermarsberg über die Gründe aufzuklären, die „für einen Verbleib Marsbergs beim Sauerland sprechen“. Das kam bei der Bevölkerung teilweise gar nicht gut an. Der Rat Niedermarsberg ließ sogar eine eigene Studie erstellen, warum die Zuordnung der künftigen Stadt Marsberg zum neuen Kreis Paderborn gefordert werde. U. a. wird als Grund angegeben, dass „in Anlehnung an die neue Bundesautobahn Ruhrgebiet/Kassel eine neue Entwicklungsachse zwischen Marsberg und Paderborn“ entstehe. Auf diese 22 Seiten lange Studie antwortete die Briloner Kreisverwaltung mit einer 13 Seiten langen Gegendarstellung. Ein Papierkrieg vom Feinsten war entbrannt.

Selbst Brilon zum Hochstift?

Ob dieser strittigen Diskussionen brachte der Briloner Bürgermeister und CDU-Landtagsabgeordneter Franz Hillebrand einen anderen Aspekt ins Spiel: „Wenn Marsberg nach Paderborn wechseln würde ... werde Brilon an eine Randlage gedrängt, gegen die sich die Stadt wehren müsste“, war in der WP zu lesen. Er stellte die Frage in den Raum, „ob sich Brilon nicht zusammen mit dem Raum Marsberg nach Paderborn oder allein nach Soest-Lippstadt orientieren sollte.“

Brilon lehnte, wie Marsberg auch, die Dreier-Lösung zunächst ab und befürwortete eine Zusammenlegung nur mit dem Kreis Meschede. Dann gab es jedoch eine attraktive Mitgift. Etliche Dienststellen verblieben in dem 1967 neu errichteten Kreishaus und die Stadt erhielt den davor liegenden Kreishauspark quasi geschenkt. Dort sollte eine moderne Stadthalle entstehen. Doch auch heute wächst dort nur Gras.

Dr. Müllmann: OKD von 1958 bis 1987

OKD Dr. Müllmann wurde zum Beauftragten des Innenministers für die Wahrnehmung der Aufgaben des Oberkreisdirektors des neuen Hochsauerlandkreises bestimmt - bis zum Amtsantritt des neuen Verwaltungschefs. Gemeinsam mit Landrat Rolf Füllgrebe, der in ana loger Funktion für die Belange des Kreistags bestellt war, ging Dr. Müllmann die Arbeit an. Im Mai 1975 war Kreistagswahl und am 6. Juni wurde er mit 52 Stimmen bei einer Gegenstimme zum OKD des HSK gewählt - trotz seines früheren Eintretens für die Zweier-Lösung.