„Gefahr für das gesamte Gesundheitssystem“

Der EuGH erlaubt ausländischen Versandhändlern künftig Rabatte bei dem Verkauf von verschreibungspflichtigen Medikamenten.Foto:DPA/Daniel Reinhardt
Der EuGH erlaubt ausländischen Versandhändlern künftig Rabatte bei dem Verkauf von verschreibungspflichtigen Medikamenten.Foto:DPA/Daniel Reinhardt
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Was wir bereits wissen
  • EuGH hebt Medikamenten-Preisbindung für Online-Versandhändler auf
  • Apothekensprecher Jürgen Schäfer sieht Beschleunigung des Apothekensterbens im HSK
  • Urteil könnte Gesundheitssystem in Deutschland gefährden

Hochsauerlandkreis..  Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat am Mittwoch ein Urteil zur Preisbindung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten gekippt. Ab sofort dürfen Versandapotheken aus dem Ausland über die Medikamentenpreise frei entscheiden und sind nicht mehr an die für deutsche Apotheken vorgeschriebene feste Preissetzung gebunden. Die niederländische Versandapotheke „DocMorris“ hatte deswegen geklagt. Jürgen Schäfer, Apothekersprecher für den Altkreis Brilon, hat mit der WP über die Entscheidung des EuGH und dessen Konsequenzen für die lokalen Apotheken gesprochen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Entscheidung des EuGH aus Sicht der HSK-Apotheken?

Jürgen Schäfer: Die Profitgier hat eindeutig über den Verbraucherschutz triumphiert. Und es trifft am Ende die ländlich gelegenen Apotheken wie im Altkreis Brilon zuerst. Für uns war die Preisbindung bisher immer eine feste Säule, auf die wir bauen können. Ab sofort können ausländische Versandhandel die Medikamente aber viel billiger anbieten. Wenn wir das als deutsche Apotheke machen, machen wir uns direkt strafbar. Das Apothekensterben in der Region wird dadurch in den kommenden Jahren deutlich beschleunigt.

Wo sehen Sie auf Basis des Urteils Probleme für Ihre Kunden?

Durch das Urteil entsteht nicht etwa mehr Wettbewerb, vielmehr schauen die deutschen Apotheken in die Röhre, weil sie ja weiter an die festen Preise gebunden sind. Und das ist auch richtig so. Denn Medikamente dürfen nicht einfach verramscht werden, mit ihnen muss sorgfältig umgegangen werden. Ich selbst würde mir auch keine Tabletten schlucken, die unter geringeren Kontrollstandards in den Niederlanden oder anderswo in Europa hergestellt wurden.

Sind die Medikamente aus dem Versandhandel dann sogar gefährlich für den Kunden?

Natürlich gibt es gewisse EU-Standards, aber gehen Sie mal in Spanien oder Portugal in die Apotheke: Da können Sie sich Ihre Antibiotika fast frei aussuchen. Wir achten hier dagegen darauf, dass die Patienten nicht unnötig mit Tabletten zugeschmissen werden und geben auf Rezept nur heraus, was notwendig ist.

Also kann kein Versandhandel eine echte Apotheke ersetzen?

Auf keinen Fall. Wir als Apotheker sind die letzte Prüfstelle, bevor sich ein Kunde die Tabletten in den Mund kippt. Wir schauen nicht nur aufs Rezept, sondern gleichen dies auch mit dem vor uns stehenden Patienten ab. Außerdem kontrollieren wir die Qualität der Produkte. Beim Versandhandel können Sie nicht sicher sein, ob Ihr Medikament nicht drei Tage lang in irgendeinem Hinterhof vollgeregnet wurde.

Inwiefern sind auch die Krankenkassen, die einen Teil der verschreibungspflichtigen Medikamente bezahlen, betroffen?

Darüber scheinen sich die Richter am EuGH keine Gedanken gemacht zu haben, denn die Krankenkassen können ja nur dank der Preisbindung gute Deals mit den Unternehmen aushandeln, sodass der Verbraucher am Ende möglichst wenig zahlt. Durch die Entscheidung des EuGH können Medikamente ja nicht nur günstiger, sondern auch teurer angeboten werden, wenn alle Händler mitziehen. Es kann nicht sein, dass ich als Mutter abgezockt werde, wenn ich wichtige Medizin für mein krankes Kind brauche. Dieses Urteil ist eine Gefahr für das gesamte Gesundheitssystem.

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