Für den Fall der Fälle beim freien Fall
11.10.2012 | 18:27 Uhr 2012-10-11T18:27:00+0200
Bad Wünnenberg. Extremsportler Felix Baumgartner will am Wochenende zu seinem Rekordsprung ansetzen. Ein am Rande des Sauerlandes entwickeltes elektronisches Notauslösegerät könnte bei der Mission des Österreichers überlebenswichtig sein.
Damit der Traum vom freien Fall des österreichischen Extremsportlers Felix Baumgartner nicht in einer Tragödie endet, setzt das Projekt Stratosphären-Sprung im US-Staat New Mexico auch auf Technik aus Westfalen. Die von der Firma Airtec in Bad Wünnenberg - am Randes des Sauerlandes gelegen - entwickelte elektronische Fallschirm-Sicherung „Stratos Cypres“ könnte das Leben des 43-Jährigen bei seinem halsbrecherischen Sprung aus mindestens 36,576 Kilometern Höhe retten.
„Felix weiß schon, was er da tut“, glaubt Martin Thannheiser von Airtec. „Sonst würde er das Ganze nicht machen.“ Und doch, die Gefahr, dass der Österreicher bei seinem Rekordversuch im luftleeren Raum das Bewusstsein verliert, sei groß, meint der Öffentlichkeitsarbeiter des Weltmarktführers für Fallschirm-Sicherheitstechnik aus dem Kreis Paderborn. „Aber in diesem Fall greift das von uns entwickelte Stratos Cypres ein.“ Das elektronische Notauslösegerät soll im Fall der Fälle dafür sorgen, dass der Bremsschirm abgetrennt und der Reserve-Schirm ausgelöst wird. Es ermittelt den Zeitpunkt des Öffnens über einen Mini-Computer und einen Drucksensor.
Waghalsiger Abenteurer
Airtec-Firmeninhaber Helmut Cloth, ein passionierter Fallschirmspringer, hat zusammen mit seinem Team im Jahr 1991 den ersten elektronischen Öffnungsautomat, das erste sich selbst regulierende Fallschirm-Auslösesystem der Welt entwickelt, „Cypres“ genannt. Bereits 2008, in einer frühen Phase des „Red Bull Stratos Projekts“, wurde die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der GmbH kontaktiert. Firmenmitarbeiter Jürgen Sennert reiste vor mehr als zwei Jahren nach Kalifornien, um die Techniker in die Geheimnisse von „Stratos Cypres“ einzuweihen.
Felix Baumgartner, der im Jahr 2003 als erster Mensch im freien Fall den Ärmelkanal überquerte, ist kein Unbekannter für das westfälische Unternehmen. Der Österreicher springe seit langem mit Airtec-Produkten, erzählt Martin Thannheiser und beschreibt den waghalsigen Abenteurer so: „Der gute Mann ist schon heftig unterwegs.“ Ein Typ, der wie alle Extremsportler eine hohe Risikobereitschaft kennt. „Er schiebt seine Grenzen eben auf seine Art hinaus.“
Baumgartners Mission zum Rande des Weltalls nennt Thannheiser eine „fantastische Sache“. Er saß wie viele seiner Kollegen der 40-Mitarbeiter-Firma am vergangenen Dienstag an seinem Arbeitsplatz und verfolgte gespannt per Internet-Livestream den vergeblichen ersten Rekordversuch. „Als die Windböe kam, habe ich sofort gedacht: ,Jetzt müssen die abbrechen’“. Techniker in der Firmenzentrale halten in diesen Tagen zwecks Datenaustauschs ständigen Kontakt zu den Red-Bull-Ingenieuren in den USA. „Wir sind auf dem Laufenden.“
Eine andere Hausnummer
Die Dimensionen des freien Falls vom oberen Rand der Stratosphäre seien schon eine andere Hausnummer als die üblichen Sprunghöhen der Fallschirmspringer, die Airtec-Produkte benutzen - „normalerweise 4000 bis 5000 Meter“. Dennoch: Neben den Arbeiten an Standardprodukten für den sportlichen und militärischen Bereich bauen die Bad Wünnenberger auch immer wieder Spezialgeräte.
Zum Beispiel für „Smokejumper“ in den USA - Feuerspringer, die aus Spezialflugzeugen heraus möglichst nahe an Brandstellen springen. „Oder Geräte, die im Einsatz sind, wenn Autos aus dem Flugzeug geworfen werden“, sagt Martin Thannheiser. Da stutzt der Fragesteller am anderen Ende der Telefonleitung. Wie bitte? „Bei militärischen Übungen können Jeeps per Fallschirm landen.“
Das klingt fast so verrückt wie ein Stratosphären-Sprung.
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