Falsche Entscheidungen durch Turbo-Abi?

Winterberg.  . Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, die Verabschiedung der Abiturienten steht unmittelbar vor der Tür. Auch dieser Jahrgang hat das sogenannte „Turboabi“ hinter sich. Die Schüler besuchten die Schule nur 12 anstatt 13 Jahre.

Mit der Einführung von G8 soll den Schülern ermöglicht werden, ein Jahr früher in ihre Berufsausbildung einzusteigen und dementsprechend auch ein Jahr eher in die Arbeitswelt einzutreten.

Wirtschaftlich betrachtet können Staat und Wirtschaft auf ein Jahr jüngere Berufseinsteiger zurückgreifen und somit dem demografischen Wandel entgegentreten. Die Lebensarbeitszeit verlängert sich automatisch und durch den späten Bezug von Rentengeldern wird dieser Effekt zusätzlich unterstützt.

Was Schüler, also die Betroffenen selbst, zur Durchführung dieser Schulreform in Kauf nehmen mussten, wurde jahrelang bereits in hitzigen Kontroversen diskutiert. Kritiker sind der Meinung, dass Schüler zunehmend unter dem Schulstress leiden, keine Freizeit mehr hätten und dies auch Einfluss auf ihre schulischen Leistungen habe.

Es ist nicht zu leugnen, dass eine Umstellung von 29 auf 33 Schulstunden in der Woche und das auch noch in Form von beinahe täglichem Nachmittagsunterricht, nicht wenig ist.

Des Weiteren muss man auch zugeben, dass viele Schüler nach einem langen Schultag meist keine Zeit und auch keine Lust haben, sich noch einem Hobby zu widmen oder ihre Zeit so umdisponieren müssen, dass sie Schule und Hobby unter einen Hut kriegen. Die befragten diesjährigen Abiturienten des Geschwister-Scholl-Gymnasiums sind sich zum Großteil einig, dass das Problem ein ganz anderes sei, welches man auf den ersten Blick nicht wahrnehme.

„Es ist auffällig, wie viel reifer G9-Schüler waren, als sie in der 13. Klasse angekommen sind,“ so Cedric Peter, Schüler. Unterstrichen wird diese Aussage noch von Dietmar Schwartze, einem Lehrer der Schule: „Die Schüler der 12. Klasse brachten eine persönlich gereifte Zielauffassung bezüglich des bevorstehenden Abiturs am Ende des 13. Schuljahres aus den Sommerferien mit.“

Entscheidungen für die Zukunft

Die Schüler fühlen sich nicht reif genug, Abitur zu machen oder gar schon zu studieren, da sie sich nicht sicher sind, was sie überhaupt in Zukunft machen wollen. Zwar gab es dieses Problem schon immer in gewissem Maße, jedoch ist es heutzutage ausgeprägt wie nie zuvor. Viele Gymnasiasten sind zum Zeitpunkt des Abiturs erst 17 Jahre alt und befinden sich somit in einem Alter, in dem sie nicht zu hundert Prozent fähig sind, wichtige Zukunftsentscheidungen zu treffen.

Schaut man sich Statistiken von verschiedenen Institutionen an, so fällt auch auf, dass die Zahl der Studienabbrecher stetig zunimmt – ein Zeichen dafür, dass sich Schüler falsch entschieden haben und sich nun umorientieren?

„Viele gehen erst einmal für eine gewisse Zeit ins Ausland, weil sie sich erhoffen, dort Klarheit zu bekommen. Auch dadurch, dass es Bachelor- und Masterstudiengänge gibt und viele von uns eher einen Master machen würden, um bessere Qualifikationen aufzuweisen, kommt man doch wieder beim Alten heraus,“ meint Abiturientin Christina Lefarth.

Es lässt sich also sagen, dass das hauptsächliche Problem, das G8 mit sich bringt, die Reife der Schüler ist. Das Gefühl der Unsicherheit steht mit an erster Stelle und die jungen Menschen sind schlicht und ergreifend überrumpelt von der Situation. Natürlich betrifft das nicht jeden einzelnen Schüler, aber ein Großteil von ihnen wird mit genau diesem Problem konfrontiert.

Man sollte deshalb ernsthaft überlegen, den Gymnasiasten das 13. Schuljahr zurückzugeben, in dem sie scheinbar wichtige Erkenntnisse bezüglich ihrer Zukunftsplanung erlangen. Diese Erkenntnisse bringen nicht nur die Schüler selbst vorwärts, sondern sind auch für die Unternehmen selbst und somit auch für den Staat von Vorteil. Ob die Kinder 13 Jahre zur Schule gehen und danach erst ihre Berufsausbildung mit gutem Gewissen beginnen oder zwölf Jahre mit häufig mindestens einem Jahr Verzögerung vor dem Eintritt in die Berufswelt in der Schule verbringen, bringt letzten Endes das gleiche Ergebnis. Letztlich wird mit zwölf Jahren Schulzeit nur Verwirrung gestiftet und die Ziele, die man mit G8 verfolgt, werden nicht erreicht.

Niklas Eickler, 18, Grönebach:

„Ich persönlich hatte noch genug Freizeit, um meine Hobbies mit der Schule zu vereinbaren. Schade finde ich, dass Unternehmen letzten Endes ältere Bewerber bevorzugen und man als G8-Schüler demzufolge schlechtere Chancen gegenüber Älteren hat.“
Christina Lefarth, 17, Medelon:

„Ich habe das Problem, dass ich noch nicht genau weiß, was ich später machen möchte. Bevor ich ein Studium beginne, will ich mir sicher sein, dass es das Richtige ist.“
Katja Morgenstern, 17, Elkeringhausen:

„Ich zähle zu denjenigen, die schon mit 17 Abi gemacht haben und bin auch eine der Jüngsten aus der Stufe. Es ist dennoch auffällig, wie viele meiner Mitschüler – sogar die, die älter sind als ich – sich noch unschlüssig sind, welchen beruflichen Werdegang sie einschlagen sollen.“
Lena Sylejmani, 18, Niedersfeld:

„Wir hatten schon ab der fünften Klasse Nachmittagsunterricht. Wenn ich mir G9-Schüler angucke, merke ich, dass sie viel mehr Zeit zur Verfügung haben und eben auch in dieser freien Zeit die Möglichkeit haben, Praktika zu absolvieren. Durch diverse Praktika kann man sich eher entscheiden, wie der spätere Beruf aussehen - oder eben nicht – aussehen soll.“
Anushan Rajakulanathan, 18, Winterberg:

„Auf mich wirkten Schüler aus der 13. Klasse immer deutlich erwachsener als Schüler aus der 12. Klasse. Ich hatte zwar nicht das Problem, nicht zu wissen, was ich später machen möchte, aber ich kenne viele Leute, die G8 gemacht haben und nachher unzufrieden mit ihrer voreiligen Entscheidung waren und ihr Studium somit abbrechen mussten.“