„Es war herrlich, wieder nach Hause zu kommen“

Die US-Army erreichte Altenbüren am 29. März 1945. Am 2. April wurde Altenbüren erobert, 27 Häuser brannten dabei ab.
Die US-Army erreichte Altenbüren am 29. März 1945. Am 2. April wurde Altenbüren erobert, 27 Häuser brannten dabei ab.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Heute vor 70 Jahren, am 11. Juni 1945, erhielt der heute 87-jährige Altenbürener Franz Wiepen seine Entlassungspapiere aus der Gefangenschaft.

Altenbüren..  „Mein Junge, du bist noch so jung, du brauchst nicht fort“. Fort in die Ferne. Fort, um als Soldat in einen furchtbaren Krieg zu ziehen: in den Zweiten Weltkrieg. Dass der damals 12-jährige Franz Wiepen noch kurz vor Kriegsende eingezogen werden sollte, damit hatte seine Mutter 1939 nicht gerechnet. Heute vor 70 Jahren, am 11. Juni 1945, erhielt der heute 87-jährige Altenbürener seine Entlassungspapiere.

Es war ein Jahr vor Kriegsende, als sich die Ereignisse für Franz Wiepen hintereinander reihten. Im elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb eigentlich unentbehrlich, wurde der damals 16-Jährige im Mai 1944 in der Briloner Molkerei verpflichtet. Sechs Monate später musste der junge Mann eine sechswöchige Militärausbildung in Kirchhundem absolvieren und wurde dann, im Januar 1945, zusammen mit weiteren Altenbürener Schulkollegen zum Militär nach Herford beordert. Von dort aus nach Dänemark abkommandiert, wurden die Eingezogenen an der Nordküste Jütlands als Luftwaffenhelfer auf einem Feldflugplatz eingesetzt. „Die Versorgung bei der Luftwaffe war sehr gut.“ Eine Mahlzeit hat Wiepen noch genau in Erinnerung: „Eine solche Erbsensuppe gab es nie wieder. Auch später zuhause nicht, als kein Mangel herrschte.“

„Dänemark war für uns eine Art Erholung“, so Wiepen. Denn es sollte schlimmer kommen. „Die letzten Tage, bevor der Krieg zu Ende ging, sollten wir noch nach Innerdeutschland an die Front.“ Dazu kam es jedoch nicht mehr. Der Zug nach Deutschland stoppte und war auf einmal schaffnerlos.

„Engländer nahmen uns gefangen. Sie haben uns in Viehwaggons eingepfercht und nach Norddeutschland gebracht.“ Der inzwischen 17-Jährige befand sich in englischer Gefangenschaft. „Auf der Halbinsel Eiderstedt wurden wir auf einer großen Wiese in Zelten untergebracht. Das Lager war völlig überfüllt. Wir erfuhren jetzt, nach Kriegsende, was es bedeutet, Hunger zu haben. Es gab überwiegend dünne Brennnesselsuppe, viele Kameraden bekamen gesundheitliche Probleme. Der tägliche Hunger im Lager ließ uns Pläne schmieden, Brot zu organisieren.“

Frisches Brot besorgen

Jenseits des Lagergeländes gab es eine Feldbäckerei. Das Gelände war allerdings rundum mit Panzergräben umgeben, die voll Wasser standen. „Mein Freund hatte einen Weg ausgekundschaftet, auf dem wir an frisches Brot kommen konnten. Er besorgte, triefend nass wie er war, mehrere Laibe und warf sie mir über den Graben zu. Ich fing sie auf der Lagerseite auf. Ganz trocken ging es auch bei mir nicht ab, aber wir ließen es uns gut schmecken.“

Nach vier Wochen Gefangenschaft kam die Erlösung: „Als unentbehrlicher Helfer in der elterlichen Landwirtschaft erhielt ich so kurz nach Ende des Krieges, am 11. Juni 1945, meine Entlassungspapiere.“ Mit dem Lkw der Engländer ging es per Sammeltransport von Heide im Norden über einige Stationen bis nach Arnsberg. Mit dabei war einer der Schulkollegen, den Wiepen in Heide wiedergetroffen hatte. „Unser Reiseproviant bestand aus einer Scheibe Brot und einer kleinen Dose Fisch und sollte für drei Tage reichen.“

Auf offenem Lkw nach Brilon

In Arnsberg erfolgte eine erneute Aufteilung. Die beiden ausgehungerten Altenbürener Jungs wurden auf offenem Lkw nach Brilon gefahren. Station war das Kreishaus. Dann fuhr der vollbesetzte Lkw weiter Richtung Winterberg weiter. Wiepen: „Wir standen vorne auf dem Lkw, da hat uns in Altenbüren eine Dame gesehen und erkannt. „Euer Franz ist hier durchgekommen!“, rief sie.“ Der Ruf, dass „die Heimkehrer kommen“, eilte den beiden voraus.

Von Brilon aus machten sich die Heimkehrer zu Fuß auf den Weg nach Hause. Auf halber Strecke kam ihnen Alfred Wiepen, der jüngere Bruder von Franz, auf dem Fahrrad entgegen. Im Gepäck ein paar „Bütterkes“ für die Heimkehrer.

„Der Weg nach Hause war schwer, jedoch auch glücklich. Es war ein herrliches Gefühl, wieder zuhause angekommen zu sein! Wenige Wochen später wurde ich 18 Jahre alt“, sagt der Vater von drei Töchtern. Und: „Nun sind seitdem 70 Jahre vergangen. Ich bin immer noch dankbar dafür, dass ich heil aus dem schrecklichen Krieg heimgekommen bin“. In wenigen Wochen wird Franz Wiepen seinen 88. Geburtstag feiern.