„Es ist ein langer Weg zur Gleichstellung“

Brilon..  Anlässlich des europaweiten europäischen Protest-Tages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung veranstaltet die Briloner Interessenvertretung für Menschen mit Behinderung (BIV) am heutigen Samstag einen Aktionstag auf dem Briloner Marktplatz.

Nahezu alle Institutionen und Einrichtungen der Stadt, die sich mit und für Menschen mit Behinderung engagieren, beteiligen sich. Das Motto des Tages, für den Bürgermeister Dr. Christof Bartsch die Schirmherrschaft übernommen hat, lautet „Begegnungen“. Vormittags sind diverse Stände auf dem Marktplatz aufgebaut, an denen die Thematik vertieft wird. Außerdem spielt die Band „Blind Foundation“. Die dynamische Gruppe aus Frankfurt am Main verkörpert pure Lebenslust, Leidenschaft und Spielfreude. Zwei der Musiker sind - wie Ray Charles und Stevie Wonder - blind. Im Vorfeld sprachen wir mit Ralf Gersthagen, Vorsitzender der BIV.


In welchen Bereichen - ganz speziell in Brilon - funktioniert die Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung gut? Wo klappt es noch sehr schlecht?
Ralf Gersthagen: Die „Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung“ ist eine gute Formulierung. Sie beinhaltet, dass auch Menschen ohne Behinderung gegenüber Menschen mit Behinderung Gleichstellungsbedarf haben können. Dieses interessante Thema hier weiter zu erörtern, würde allerdings den Rahmen sprengen. Wichtig bei einer solchen Diskussion ist es dann jedoch, zwischen Vorteil und Nachteilsausgleich zu unterscheiden.

Um reale und umfassende Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung, wir nennen es seit einigen Jahren Inklusion, zu erreichen, bedarf es vieler Voraussetzungen bzw. Vorbereitungen auf Bundes- und auf Landesebene.

Ich möchte und kann nicht sagen, wo Gleichstellung in Brilon besonders gut oder schlecht funktioniert. Dafür müsste man den aktuellen Stand mit einem klar definierten, auf Umsetzbarkeit geprüften Ziel vergleichen. Es gibt aber Bereiche, bei denen Entwicklungen zu beobachten sind, die hoffen lassen. Hier ist zunächst die jahrelange Zusammenarbeit mit Bereichen der Stadtverwaltung, auch mit dem jeweils amtierenden Bürgermeister, zu erwähnen. Diese ist sehr positiv zu sehen, ist aber sicherlich auch noch ausbaufähig.

Als Bereiche, wo noch großer Bedarf besteht und bei denen hohe Herausforderungen auf uns alle warten, sind zu nennen: gemeinsamer Unterricht, gemeinsames Arbeiten, gemeinsame Freizeitgestaltung, Mobilität, geeigneter Wohnraum, zukunftsweisende Wohnformen, Akzeptanz fürs „Andersein“.


Wird beim Bau von Straßen oder bei den Zugängen zu Gebäuden behindertengerecht geplant?
Beim Bau von Straßen und Gehwegen wird mittlerweile weitestgehend barrierefrei geplant. Hierzu bekommt die BIV von der Stadt Brilon im Vorfeld die Planungsunterlagen, um anschließend bei einem Treffen mit den Planern und Verantwortlichen der Stadt die einzelnen Punkte zu besprechen.

Ein aktuelles Beispiel zeigt der Kreisverkehr oberhalb des Amtsgerichtes, wo erstmals ein zweigeteilter Überweg angelegt wurde. Die eine Hälfte ist schwellenfrei für Rollstuhl-, Rollator-und Kinderwagenbenutzer, während die andere Hälfte mit Absatz und taktilen Feldern als Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte ausgestattet ist.

Bei Gebäuden gestaltet sich das etwas schwieriger. Leider hat sich bei Besitzern von öffentlich zugänglichen Gebäuden sowie bei Architekten und Planern noch nicht weit genug herumgesprochen, dass, so wie Brandschutz, Hochwasserschutz, Schallschutz, usw., auch Barrierefreiheit in der Landesbauordnung definiert und einzuhalten ist. Bei Begehungen „nach“ Fertigstellung von Gebäuden bleibt uns oftmals, nur auf Fehler hinzuweisen, die bei einem Gespräch „vor“ Baubeginn hätten vermieden können.


Was versprechen Sie sich von dem Aktionstag am Samstag?
Diesen Aktionstag, der erste seiner Art in Brilon, verstehen wir vom „Aktions-Bündnis 5. Mai“ als einen Stein beim Pflastern des langen Weges zur Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung, des Weges zu einer inklusiven Gesellschaft. Ob dieser Aktions-Tag ein Splitt-, Schotter-Steinchen oder gar ein Pflasterstein wird, ist sicher schwer zu beurteilen. ... vielleicht wird’s ja ein Quadratmeter.