Es geht um die Wertigkeit eines Berufsstandes

Protestaktion der Erzieherinnen in Brilon
Protestaktion der Erzieherinnen in Brilon
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Was wir bereits wissen
Die Erzieherinnen der städtischen Kindergärten haben am Mittwoch in Brilon eine Protestaktion veranstaltet.

Brilon..  Sie müssen nicht lange bitten. Viele Passanten, die gestern durch die Bahnhofstraße laufen, machen am Stand der Erzieherinnen Halt und setzen ihren Namen auf die Unterschriftenliste. „Ich habe selber sechs Kinder. Für uns Alte wird viel in der Stadt getan: im Kurpark, im Krankenhaus. Aber für Kinder und deren Erziehung muss mehr gemacht werden“, sagt ein älterer Herr. Die Erzieherinnen der städtischen Kindergärten streiken für eine bessere Entlohnung. Letztlich geht es aber um die Wertigkeit eines ganzen Berufsstandes, der gesellschaftlich wichtiger denn je ist, der aber finanziell abgehängt wurde.

Das Maß ist voll

Für die meisten Erzieherinnen ist es der erste Streik in ihrem Leben. Aber veränderte Familien-Konstellationen und ganz andere Anforderungen in der Betreuung haben Umstände geschaffen, die das Fass zum Überlaufen brachten. „Wir müssen Integrationsarbeit bei Kindern aus anderen Ländern leisten. Wir haben Jungen und Mädchen, die aus Familien kommen, wo Streit an der Tagesordnung ist und sich diese Anspannung auf den Nachwuchs überträgt. Manche kommen ohne Frühstück. Andere kennen es überhaupt nicht mehr, gemeinsam in der Familie an einem Tisch zu sitzen und miteinander zu reden. Wieder andere haben Sprachauffälligkeiten und oft fehlt es an der Gemeinschaftsfähigkeit.“ Susanne Kunst liebt ihren Beruf und möchte ihn um nichts in der Welt gegen einen anderen eintauschen. Doch die 53-jährige Erzieherin aus der Kindergartengruppe in Esshoff hat in ihren über 30 Berufsjahren einen Wandel im Anforderungsprofil festgestellt, der die Arbeit aufwändiger und anspruchsvoller gemacht hat.

Eine Vollzeitstelle ist für Berufsanfänger eine Ringeltaube: „In der Regel erhält man einen Festvertrag über 19,5 Stunden. Das reicht hinten und vorne nicht. Mit Glück bekommt man noch in einer anderen Einrichtung ein paar Stunden dazu oder man muss noch einen ganz anderen Nebenjob annehmen“, sagte eine Erzieherin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Und dann diese Unwägbarkeiten. „Erst im Sommer erfährt der jeweilige Kindergarten, wie viele Stunden die Eltern gebucht haben. Und danach richtet sich auch das Stundenkontingent der Einrichtung bzw. das der Mitarbeiterinnen“, sagt Christiane Rösen vom Kindergarten in Rösenbeck.

19,5 Stunden für Einsteiger

Oft werden Stunden untereinander abgetreten oder hin und her geschoben, damit der Job für die Kollegin finanziell interessant ist. Und wie soll ein Alleinverdiener mit 19,5 Stunden eine Familie ernähren?

„Es ist gut, dass sich das Rollenverständnis in der Gesellschaft ändert und dass zum Beispiel Frauen ganz selbstverständlich arbeiten gehen. Aber dadurch ändern sich eben auch die Aufgaben oder zum Beispiel die Öffnungszeiten in einer Kindertageseinrichtung“, sagt Brunhilde Jabs, Leiterin in Altenbüren. Und all das müsse sich auch in der Bezahlung widerspiegeln. Sie ist seit 44 Jahren in ihrem Beruf, aber so eine Geschlossenheit bei einem Streik habe sie noch nie erlebt. Und noch einen Satz sagt sie: „Wenn das ein Männerberuf wäre, ständen wir nicht hier…“

Unterschriften übergeben

Einen ganzen Stapel mit Unterschriften übergibt Wolfgang Schlenke, Bezirksgeschäftsführer der Gewerkschaft ver.di, dem Briloner Bürgermeister Dr. Christof Bartsch. Aber selbst bei dem laufen die Erzieherinnen offene Türen ein. Es gebe eine klare Asymmetrie zwischen den Berufsanforderungen und der Bezahlung. Materielle Arbeit werde offenbar höher geschätzt als ein Beruf, der wertvolle gesellschaftliche und erzieherische Funktionen habe. Er verstehe die Forderungen der Erzieherinnen und werde sie beim Arbeitgeberverband vortragen, verspricht der Bürgermeister.