Es geht um den Wert frühkindlicher Bildung

Altkreis..  Die Gewerkschaften setzen auf das Moment der Überraschung. Doch alle Eltern wissen schon jetzt, wann ihr Kindergarten streikt. Denn während Fahrgäste und Lokführer nicht immer Verständnis füreinander aufbringen, wissen die Erzieherinnen die Väter und Mütter hinter sich. Daher werden die meisten Eltern die Betreuungsfrage an Streiktagen auch selbst und untereinander regeln. Keine Erzieherin würde auf das Überraschungsmoment setzen und in Kauf nehmen, dass Kinder vor der verschlossenen Tür stehen.

In Madfeld z.B. wurden die Eltern schon sehr früh über die Problematik informiert. Sie zeigen Verständnis und Zustimmung für das Anliegen der Erzieherinnen und haben dem Briloner Bürgermeister gestern bereits die ersten Unterschriftenliste mit Solidaritätsbekundungen überreicht. Ganz spontan hatten sie die Listen auch in anderen Einrichtungen in freier Trägerschaft oder in Kinderarztpraxen ausgelegt. Weitere Aktionen sollen folgen. Am Mittwoch wird von 9 bis 11.30 Uhr ein Infostand vor dem Haus Hövener in Brilon aufgebaut.

„Wir sprechen uns ab und arrangieren uns bei der Betreuung“, sagt Petra Kemmerling aus Madfeld, deren Tochter das dortige „Zwergenland“ besucht. „Wir wollen selbst aktiv etwas tun, damit dieser wichtige Beruf fortbesteht und damit er für Frauen und für Männer gleichermaßen attraktiv ist“, betont Frau Kemmerling.

Ausstand in Brilon und Marsberg

Aber nicht alle kommunalen Betreuungseinrichtungen im Altkreis streiken. Bislang sind es nur Einrichtungen in Brilon und Marsberg. Im Stadtgebiet Winterberg ist lediglich die „Arche Noah“ in Züschen in städtischer Trägerschaft; dort ist für kommende Woche kein Streik vorgesehen. Leiterin Martina Anthe macht keinen Hehl daraus, dass sie die Forderungen der Gewerkschaft unterstützt. Im Kreis ihrer Mitarbeiterinnen habe sich aber keine Mehrheit für einen Streik gefunden, bedauert sie.

Hallenberg und Medebach haben keine städtischen Kindergärten und für Olsberg sagt Pressesprecher Jörg Fröhling: „Nach derzeitigem Stand der Dinge werden unsere Kindergärten kommende Woche nicht bestreikt.“

Worum geht es in der Tarifauseinandersetzung? Die Gewerkschaft fordert eine Aufwertung der Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst durch eine neue Eingruppierung. Dies würde eine durchschnittliche Lohnerhöhung von zehn Prozent bedeuten. „Hier ist aber vor allem die Frage wichtig: Was ist unserer Gesellschaft eine gute frühkindliche Bildung wert?“, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Dirk Riesner aus Meschede. Seit der letzten Bewertung seien 25 Jahre vergangen und in dem Zeitraum habe sich einiges getan - aber nicht bei der Entlohnung.

Das sagen auch die Erzieherinnen: U3-Betreuung, familienunterstützende Aufgaben und dann noch die ganze Dokumentation. „Der Beruf muss attraktiver gemacht werden - für Frauen und auch für Männer. Viele brechen die Ausbildung nach zwei, drei Jahren ab“, sagt Rita Mörs, Leiterin des „Zwergenlandes“ in Madfeld.

Aufwertung der Sozialberufe

Wolfgang Schlenke, Verdi-Bezirksgeschäftsführer ist optimistisch: „Der Druck von Beschäftigten und Eltern auf Bürgermeister, Landräte und Verhandlungsfunktionäre soll so groß sein, dass schnellstmöglich ein verhandlungsfähiges Angebot vorgelegt wird.“ Man diskutiere nicht, ob es eine Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe gebe, „sondern wann sie durch den unbe-fristeten Streik endlich Realität wird“.