Erika Zoll aus Hallenberg ist zertifizierte Kräuterpädagogin

Erika Zoll aus Hallenberg führt Menschen zu pflanzlichen Helfern für alle Lebenslagen.
Erika Zoll aus Hallenberg führt Menschen zu pflanzlichen Helfern für alle Lebenslagen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Wer auf Kräuterwanderung im Sauerland unterwegs ist, kann vieles lernen. Erika Zoll führt Menschen zu pflanzlichen Helfern für alle Lebenslagen - und beklagt die Ordnungswut, die viele Straßenrandkräuter ausgerottet hat. Wilden Spinat zum Beispiel findet man nur noch an zwei Stellen.

Medebach.. Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Nur nicht gegen die Kontrollsucht: Zu Ostern oder zum Schützenfest soll es schön sauber aussehen. Dann werden die Randstreifen geschnitten, auf denen es so unaufgeräumt blüht und grünt. „Dieser Ordnungssinn hat mehr Kräuter ausgerottet als die Intensiv-Düngung und der Großmaschineneinsatz“, bedauert Erika Zoll. „Der Gute Heinrich wächst deshalb nur noch an zwei Stellen im Sauerland.“

Der Gute Heinrich? Erika Zoll lächelt nachsichtig. „Wilder Spinat“, erklärt sie. Denn Erklären ist ihre Aufgabe. Die in Winterberg geborene Hallenbergerin, die als Kind bei der Großmutter in Medebach Kamille sammelte und auch dank des Förster-Vaters früh lernte, was aus der Natur wie wirkt, ist nicht nur kräuterkundig, sondern zertifizierte Kräuterpädagogin.

„Pflanzliche Helfer in allen Lebenslagen“

Sie erzieht. Dort, wo die Kräuter wachsen. Für die Touristiker in Winterberg, Hallenberg und Medebach oder mit dem Verein für Kräuterpädagogik in Westfalen. Bei Spaziergängen, zu denen sich Urlauber und Einheimische einfinden. Die selten so viel Nachhilfe brauchen wie der Reporter.

„Pflanzliche Helfer in allen Lebenslagen“ stehen heute auf dem Programm. Und das beginnt sofort hinter dem Treffpunkt an der Kirche in Medebach-Berge. Weil hier die Randstreifen nicht abgemäht sind, wächst alles, was in einen Kräuterbund gehört. Einen solchen wollen sich die weiblichen Teilnehmer zusammenstellen. Wie es seit mehr als 1000 Jahren Tradition ist.

Eine Pflanze, die die Jungfräulichkeit wieder herstellt?

„Die jungen Leute kennen immer weniger“, sagt Erika Zoll und bleibt vor rötlich-violetten Blüten stehen: „Was ist das?“ Die Kinder sind gefragt. Und schweigen. Die ältere Generation weiß Bescheid: Rotklee. Der weibliche Teil der älteren Generation sollte es wissen. Denn der Rotklee - drei Blütenköpfchen pro Tasse Tee - hilft gegen Wechseljahre-Beschwerden.

Das betrifft die Mädchen nicht. Sie schneiden die Königskerze ab. Die wirkt schleim- und hustenlösend. Ein paar Meter weiter steht Frauenmantel. Der fördert die Wundheilung. Und soll die Jungfräulichkeit wieder herstellen. Aber da hat Erika Zoll Zweifel.

Was hilft gegen Giersch? Wegessen!

Belegt ist dagegen die stimmungsaufhellende Wirkung des Johanniskrauts. Dazu wird aus getrockneten Blüten Tee gekocht. Gegen Rückenverspannungen hilft das rote Öl, das beim Zerreiben der Blüten entsteht. Viel gewandert sind wir noch nicht. Es wächst zu viel. Was ist das? Schafgarbe. Gegen Frauenleiden. Und zur Stärkung der Immunabwehr.

Und das Grüne da? Ein Ärgernis im Garten: Giersch. Aber gegen den Ärger hilft: Wegessen. Wie Spinat. Als Tee hilft er gegen Gicht und Rheuma. Und in der Kräuterbowle bietet er im Hochsommer eine angenehm würzige Erfrischung.

Das können die Kräuterwanderer kosten, denn Erika Zoll hat ein Picknick vorbereitet. Mit Bowle - Giersch in Apfelsaft einlegen, Minze und Zitronenmelisse dazu, mit Mineralwasser aufgießen und mit Blütenblättern dekorieren -, Bärlauchbrötchen, Gänserilette und Brombeergelee. Köstlich.

Warum Mönche früher keinen Brennesselsamen essen durften

Davor hatten wir noch den Großen Wiesenknopf (blutstillend), das Waldweidenröschen (Blüte und Stängel in Korn einlegen - gegen Prostatabeschwerden), die Große Bibernelle (Wurzeln gegen Durchfall) und den Wiesenbärenklau (mit dem Samen lässt sich Brot aromatisieren).

Die Brennnessel gehört zwar nicht in den Kräuterbund, aber jetzt im Spätsommer kann man Samen ernten: „In der Pfanne rösten und über Müsli oder Suppen streuen“, rät die Kräuterpädagogin.

Ist "Kräuterhexe" eine Beleidigung?

Medizinische Wirkung? Potenzsteigernd. „Die Mönche durften das früher nicht essen.“ Aber Mädesüß haben sie genutzt. Als Schmerzmittel - wegen der Salicylsäure. „Manchmal war das schon im Met mit drin“, sagt Erika Zoll. Sie nutzt die Pflanze zur Aromatisierung von Sahne.

Und welchen Nutzen erfüllt nun, am Ende der Tour, der Kräuterbund? Früher hat er Haus und Hof geschützt, heute dekoriert er nur. Und kann ein Symbol sein. Für einen Bund mit dem Kraut. Für die Kräfte der Natur und gegen die Ordnung. Aber ein wenig warnen muss Erika Zoll schon: „Man sollte sich auskennen. Das ist wie mit den Pilzen.“ Aber dafür haben wir ja die Kräuterhexen. Oder beleidigt sie der Begriff?

„Den haben die frühen Ärzte geprägt, um die Macht der Männer über die Frauen zu sichern.“ Hat ja auch lange geklappt. Aber jetzt haben die Kräuterfrauen genug Selbstbewusstsein, um auch Männer mit auf Tour zu nehmen. Selbst ganz ahnungslose Reporter.