Ein Leben der Extreme – Marvin (19) hat Borderline

Marvins Motto: „Das Leben wirft uns zu Boden, aber wir entscheiden, ob wir wieder aufstehen“.
Marvins Motto: „Das Leben wirft uns zu Boden, aber wir entscheiden, ob wir wieder aufstehen“.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der Extremradsportler Marvin Bürger geht körperlich oft an seine Grenzen. An seine seelische Grenze ist er auch schon gelangt: Marvin ist Borderliner.

Madfeld.. „Das Leben wirft uns zu Boden. Aber wir entscheiden, ob wir wieder aufstehen.“ Diesen Satz hat sich Marvin Bürger auf seine rechte Brust tätowieren lassen. Es ist sein Lebensmotto, das ihm immer wieder auf die Beine geholfen hat. Auch wenn’s manchmal schwer gefallen ist. Gerade im letzten Jahr.

Fast jeder im Sauerland kennt den 19-Jährigen Extrem-Radsportler. Ein nach außen hin ruhiger, bescheidener junger Mann, ein Sympathieträger. Für viele der Inbegriff von Durchhaltevermögen und Disziplin auf zwei Rädern. Immer wieder hat er seinen sportlichen Ehrgeiz in den Dienst von wohltätigen Aktionen gestellt. „Weil ich anderen Menschen helfen möchte.“ Dabei benötigt Marvin selbst Hilfe. Bei Unter-22-Jährigen stellen Fachleute die Diagnose wohl ungern. Aber viele Anzeichen sprechen dafür: Marvin ist „Borderliner“.

Körperliche Kraft, mentale Stärke

Die Narben, die er auf der Seele hat, trägt er selbstbewusst nach außen. „Ich zeige meine Krankheit. Ich verstecke mich nicht. Jeder kann so etwas bekommen, das ist keine Schande. Ich will keine Maske aufsetzen. Jeder kann das wissen. Und ich arbeite an mir.“ Beide Unterarme sind übersät mit Wunden. Inzwischen verheilte, tief-klaffende Ritze in der Haut, die er sich selbst mit einem Messer zugefügt hat. „Wenn es mir schlecht ging, habe ich das gebraucht – so dringend, wie andere Drogen oder Alkohol.“

Unvorstellbar, dass gerade Marvin, die Sportskanone, psychische Probleme haben soll. Mit gerade einmal 16 Jahren bewältigt der Madfelder 2200 Kilometer und 28 000 Höhenmeter beim „Race around Austria“. Damals ist er jüngster Teilnehmer. Neben der körperlichen Kraft ist es seine mentale Stärke, die ihn im Sattel hält. Im Sommer 2013 fährt er in 33 Stunden non-stop achtmal eine 100-Kilometer-Schleife quer durchs Sauerland.

Viele begleiten ihn und spenden Geld. Damit unterstützt Marvin die Briloner Initiative „Biken für Benni“, die seit Jahren an Muskelschwund erkrankten Kindern hilft. Mit einem 24-Stunden-Indoor-Spinning-Marathon greift er der „Aktion Sterntaler“ und einem jungen Mädchen in Bleiwäsche unter die Arme. Und im August 2014 will er gemeinsam mit dem querschnittsgelähmten Hand-Biker Jochen Oswald das härteste Radrennen Europas bestehen. Der offensichtlich Gehandicapte und der nach außen Top-Gesunde als ein Team. Doch daraus wird nichts. Marvin ist an seine psychischen Grenzen gekommen.

Sport als Ersatzdroge

„Wenn ich etwas mache, mache ich es ganz oder gar nicht. Ich habe ein Leben in Extremen geführt“, erklärt Marvin. Und das in jeder Hinsicht. Seine Ausbildung zum Industriemechaniker bricht er ab. Zwischenmenschlich gibt es Probleme mit der Familie und mit Freunden. Je näher ihm Personen stehen, desto schwieriger ist sein Umgang mit ihnen, umso mehr baut er Distanz auf oder macht die Menschen zum Puffer für seine inneren Spannungen. Marvin hat Verlassensängste, Bindungsstörungen und kann seinen Tag nicht strukturieren. Selbst der Sport – immer häufiger seine Ersatzdroge – hilft ihm auf Dauer nicht aus dieser Situation. Es folgen diverse Klinikaufenthalte und Therapien.

Angefangen hat das eigentlich schon in Kindheitstagen mit Aufmerksamkeitsdefiziten und ersten stationären Behandlungen. Aber schon damals steht Marvin immer wieder auf. Nach der Sonderschule wechselt er zur Hauptschule und macht sogar seinen Realschulabschluss. „Das Radfahren hat mir schon immer unglaublich gut getan. Es war ein Ausgleich für meine Anspannung.“ Aber mitunter auch eine Form der Selbstverletzung, wenn er bis kurz vor der Bewusstlosigkeit in die Pedale getreten hat.

Marvin hat im Rahmen seiner Therapien in Marsberg, Lippstadt und Warstein viel gelernt. „Bei einer Stresskurve von null bis hundert pendelt sich ein gesunder Mensch in der Regel beim Level zwischen null und zehn ein. Borderliner bewegen sich bei 40 oder 50 und der Pegel schwankt. Wir können diesen hohen Bereich ganz schwer verlassen.“ Selbstverletzungen, rasante Autofahrten, der Ritt auf der Rasierklinge, das Spiel mit Leben und Tod. Als Ersatz dafür gelten sogenannte Skills – Faustregeln, die man beherzigen und erlernen muss, um wieder runter zu kommen: eine eiskalte Dusche, der Verzehr von scharfen Chili-Schoten, eine kurze sportliche Einheit zum Auspowern oder ein Gehirn-Flic-Flac (Rechenspiel).

Mythen erforschen

Das Ritzen und Zufügen von Schmerzen sei letztendlich auch nur der Versuch gewesen, dieser unerträglichen hohen inneren Anspannung zu entkommen und den Focus und das Körperempfinden auf etwas anderes zu lenken. „Das hat dann nicht einmal weh getan, das war gut.“

Das Wichtigste, was er im vergangenen halben Jahr gelernt habe, sei aber Achtsamkeit: „Ich muss lernen, in mich selbst hineinzuhorchen, mich selbst besser kennenzulernen und meine Mythen zu erforschen.“ Mythen – das sind Dinge, Erlebnisse, Erfahrungen, die jeden Menschen bewusst oder oft auch unbewusst im Leben geprägt haben.

In die Feuerwehr ist Marvin unterdessen eingetreten. Im Herbst fängt er im „Energeticum“ in Lippstadt seine Ausbildung als Sport- und Fitnesskaufmann an. Er ist froh, dass sein künftiger Arbeitgeber Verständnis für seine Krankheit aufbringt. Selbst macht er auch wieder Sport und trifft sich zum Beispiel mit den Bikern aus Brilon. „Ich habe mit meinen Aktionen immer versucht, anderen Menschen in schwierigen Situationen zu helfen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass man auch Hilfe zurückbekommt.“

Der Spruch auf Marvins Brust hat was: „Das Leben wirft uns zu Boden, aber wir entscheiden...“