„Ein Haus hat auch immer eine Seele“
19.04.2011 | 15:00 Uhr 2011-04-19T15:00:00+0200
Marsberg.Wenn Martin Schirmann über den Jugendstil und seine Art der Gestaltung spricht, kommt er ins Schwärmen. Die fein geschwungenen Ornamente auf der Haustür, die schmuckvollen Fenstergriffe, die dunkle Eleganz eines sogenannten Herrenzimmers.
Schirmann hat gemeinsam mit seiner Frau Susann ein stadtbekanntes Gebäude Niedermarsbergs restauriert: Die Jugendstilvilla von Marianne Steinhoff in der Karlstraße. In dessen Erdgeschoss unterhielt die 2006 Verstorbene eine beliebte Bücherstube. Seit ihrem Tod nennen die Schirmanns nun das Gebäude ihr Zuhause.
„Frau Steinhoff selbst hat immer gesagt ‚Mein Haus hat eine Seele‘. Dieses Gefühl haben wir auch sehr oft“, beschreibt Martin Schirmann die ganz spezielle Verbindung, die sich zwischen dem Ehepaar und ihrem Heim entwickelt hat. Es sei einfach die große Liebe zu alten Häusern, die sie dazu bewogen habe, das Grundstück der Steinhoffs nach dem Tod Mariannes zu erwerben und das Innenleben des Bürgerhauses komplett zu restaurieren. Selbstverständlich immer ganz genau nach den Auflagen der Denkmalschutzbehörde, auf deren Liste es sich seit 1996 befindet. „Ich halte es für Quatsch, ein altes Haus zu kaufen und alles umzubauen“, betont der Familienvater und fügt hinzu: „Es gefällt uns gut, wenn ein Haus Geschichte hat.“
Keine Ruhe
Und eine Geschichte erzählt der Niedermarsberger Jugendstilbau aus der Karlstraße definitiv. Vom örtlich bekannten Amtsbaumeister Bartmann 1905 als Wohnhaus für die eigene Familie erschaffen, war es das einzige Gebäude Bartmanns, das keine öffentliche Funktion hatte. 1916 ging es in den Besitz der Steinhoffs über, Familienmitglied Marianne bewohnte es lange Zeit allein. „Das war für uns das Schöne, denn wie alte Leute so sind, war sie sehr zufrieden mit dem, was sie hatte und hat nichts kaputtsaniert“, so Martin Schirmann, der selbst als Kind in den 50er und 60er Jahren viele Schulbücher in der Bücherstube gekauft hatte.
Im Juni 2006 ging es los mit der Innenrestauration. An der Außenfassade waren Umbauarbeiten nicht notwendig. Drei Monate lang gab es keine Ruhe für das Ehepaar, denn wie auch bei den Schulzes in Hallenberg wurde nach der Arbeit, an den Wochenenden und generell an jedem freien Tag weiter im Haus geschuftet. „Abends bis 23 Uhr“, erinnert sich der „begeisterte“Hobby-Handwerker. Lediglich die Wasser-, Strom- und Abwasserleitungen, die Heizungsanlage sowie das Abschleifen des 130 Quadratmeter großen Dielenbodens haben die Schirmanns aus der Hand gegeben.
„In den drei Monaten sind wir auf dem Zahnfleisch gegangen“, schildert der Niedermarsberger. Das Ehepaar legte besonderen Wert auf historische Authentizität. Das Wohnzimmer beziehungsweise der Salon, wie es damals genannt wurde und hauptsächlich den Damen des Hauses zur Verfügung stand, ist in hellen Tönen gehalten, die Wände zieren Ornamente, wie sie auch im Jugendstil gang und gäbe waren. Im angrenzenden „Herrenzimmer“ dominieren dagegen dunkle Töne. Einzig das Badezimmer ist eine Konzession an die Gegenwart und topmodern eingerichtet.
Dachboden wartet
Heute ist nahezu alles fertig, lediglich der Dachboden wartet noch auf seine Vollendung. „Mir tut es in der Seele weh, wenn ich sehe, wie alte Häuser einfach abgerissen werden“, erläutert Martin Schirmann, warum es sich immer lohne, sich solche Arbeit aufzubürden. Man gehe natürlich Kompromisse ein, werde in einem solchen Haus niemals einen Niedrigenergiestandard erreichen, und auch das Knarren des alten Dielenbodens, wenn man über ihn gehe, sei nicht für jeden etwas. „Deshalb muss man wirklich bereit sein, in einem solchen Haus zu leben, geradezu euphorisch sein“, findet er.
„Wir haben uns das Haus nicht einfach erkauft, wir haben es uns erarbeitet“, fasst der Niedermarsberger das Leben seiner Familie in der Karlstraße zusammen. Dies habe auch eine intensive Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde bedeutet, die zwar nicht immer leicht, aber durch gute beidseitige Kompromissbereitschaft geprägt gewesen sei. „Wir denken in die gleiche Richtung“, erläutert er. Eine Richtung, die die Seele des Hauses erhalten hat und hierdurch das Neue mit dem Alten scheinbar spielerisch in Einklang bringen konnte, damit nichts verloren geht von seiner lebendigen Geschichte.
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