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Regionalgeschichte

Ehemalige jüdische Schule soll verkauft werden

21.09.2012 | 20:00 Uhr
Ehemalige jüdische Schule soll verkauft werden

Marsberg. Die einzige im Sauerland in der Bausubstanz wesentlich unverändert erhaltene, einstige öffentliche Volksschule der Israeliten steht in der Paulinenstraße 17 in Marsberg. Heute gehört die ehemalige jüdische Schule der Stadt. 1989 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt. Die einstigen Schulräume sowie die Lehrerwohnung sind als Wohnungen vermietet. Wäsche flattert zum Trocknen auf der Leine.

Im Sparpaket der Stadt taucht die ehemalige Schule als Wohnhaus Paulinenstraße 17 auf. Die Stadt will aus Kostengründen öffentliche Gebäude, die nicht für Pflichtaufgaben wie Schulen oder Feuerwehr genutzt werden, stilllegen bzw. verkaufen. Auch die einstige Judenschule. „Das Mietwohnhaus Paulinenstraße 17 wird spätestens zum 1. Januar 2015 stillgelegt“, heißt es im Maßnahmenkatalog zum Sparpaket, das am Dienstag, 25. September, vom Rat beschlossen werden soll.

Um 1900 wurde der traufenständige Backsteinbau erbaut. Er steht auf einem hohen Kellersockel aus Quadern und ist zweigeschossig. Während die Giebelseiten bis auf das Dachgeschoss nahezu fensterlos sind, ist die Straßenseite mit großer Sorgfalt gestaltet, heißt es in der Begründung der Unteren Denkmalbehörde der Stadt zur Eintragung in die Denkmalliste. Alle originalen Fensteröffnungen haben noch ursprüngliche zwei- und dreiteilige Holzsprossenfenster mit Oberlicht. Der Bau entspräche zwar im wesentlichen einem Schulhaustyp, der im damaligen Preußen vielerorts anzutreffen gewesen sei, doch sei er durch seine sorgfältige Fassadengestaltung weit über den normalen Schulbaustandard des zweiten Kaiserreiches herausgehoben und weise durchaus künstlerische Qualität auf, urteilte die Denkmalbehörde 1989. Er habe zudem seine ursprüngliche Gestalt nahezu unverändert behalten. Seine aufwendige Gestaltung würde wohl mit der Finanzkraft der ehemaligen jüdischen Gemeinde Marsbergs zusammenhängen.

Der ehemalige und langjährige Leiter des Marsberger Heimatmuseums, Johannes Bödger (verst.) hat die jüdische Schulgeschichte in der Stadt Marsberg genauestens im Stadtarchiv erforscht. Eine wahre Fleißarbeit, denn das Stadtarchiv lagert fast den kompletten Schulaktenbestand seit 1818. 1994 hat der Hochsauerlandkreis die Veröffentlichung „Jüdisches Leben im Hochsauerland“ herausgegeben. Darin enthalten ist ein informativer Beitrag über 50 Seiten von Johannes Bödger über „Die Elementarschulen der Israeliten in Marsberg“. Um 1864 lebten im Stadtgebiet Marsberg unter 8469 Einwohnern 345 Juden, ist darin nachzulesen. Das war fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung im Briloner Kreisgebiet. Bis dato wurden die jüdischen Kinder privat unterrichtet. 1863 wurde eine erste öffentliche jüdische Schule gegründet. Sie war behelfsmäßig in einem Raum in einem Wohnhaus untergebracht.

Am 20. Juli 1905 war die „öffentliche Volksschule der Israeliten“ in einem eigenen Gebäude in der Paulinenstraße 17 einzugsbereit. 16198,40 Mark hatte die jüdische Gemeinde investiert. „Das Schulgebäude entsprach nicht nur in jeder Weise den damaligen Anforderungen und Vorstellungen an eine einklassige Schule, sondern setzte auch städtebauliche Akzente“, schreibt Bödger in seinem Beitrag. Und weiter: „Der architektonisch begabte Baumeister Bartmann, dem die Stadt in der Rektoratschule und der alten Sparkasse weitere markante Gebäude des Historismus verdankt, hat unter Berücksichtigung der extremen Hanglage einen ästhetisch gegliederten Baukörper gestaltet, dem die Backstein-Ornamentik ein unverwechselbares Gesicht gibt.“ Das geräumige Klassenzimmer im Erdgeschoss war für 56 Schüler angelegt. Der Lehrer erreichte seine Wohnung über ein eigenes kleines Treppenhaus an der Nordseite. Im Übrigen soll die alte Stadtsparkasse laut Sparpaket auch stillgelegt werden.

Den letzten Hinweis zur jüdischen Schulgeschichte in Marsberg fand Johannes Bödger in einem Stadtverordneten-Protokoll vom 27. Juli 1933. Immer mehr jüdische Familien mit Kindern verließen Nazideutschland. Die jüdische Schule wurde nicht mehr benötigt. In den Folgejahren waren vor allem Klassen der Volksschule dort untergebracht. Nach dem Krieg wurden die Schulräume für den Berufsschulunterricht im Bereich Hauswirtschaftslehre genutzt. Mit dem Bau der Realschule Marsberg in den 1960-er Jahren zog der erste Jahrgang dort ein. 1971 wurden die nicht mehr benötigten Schulräume zu einer Wohnung umgebaut. Johannes Bödger in seinem Beitrag: „Die Bedeutung des Gebäudes stellt die Notwendigkeit der dauerhaften Erhaltung und dem Suchen nach einer adäquaten zukünftigen Nutzung des äußerst seltenen Geschichtsdenkmals außer Frage.“ ad

Annette Dülme



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