Der Partner mit der kalten Schnauze und der heißen Spürnase
05.01.2012 | 16:25 Uhr 2012-01-05T16:25:00+0100
Brilon.Nein, wie ein wilder Wikinger sieht er nicht aus. Auch wenn sein Name anderes vermuten lässt. „Snorre“ ist ein belgischer Schäferhund, ein Malinois. Streng genommen ist der zweieinhalbjährige Rüde ein vierbeiniger Polizist mit einer besonders feinen Spürnase. Das hat er gerade erst in einer speziellen Prüfung bewiesen. Deshalb ist er auch der einzige Rauschgiftspürhund, den die Kreispolizeibehörde zurzeit beschäftigt.
„Komm, Dicker! Leg Dich hin!“ Liebevoll krault Polizeioberkommissar Berthold Krämer seinen Partner mit der kalten Schnauze unter dem Kinn. Entspannt rollt sich der Hund auf die Seite und schließt die Augen für ein vermeintliches Nickerchen. Aber der Hund bekommt alles mit, was sein Herrchen über ihn erzählt. Wirklich alles.
Seit 14 Jahren arbeitet der 50-jährige Berthold Krämer aus Brilon mit Diensthunden. Sein letzter haariger Kollege, der Riesenschnauzer „Justus von Elverfeldt“, hat nicht viel von seinem Ruhestand gehabt. Nur sechs Wochen nach seiner Pensionierung stirbt er mit knapp neun Jahren nach einer Milz-OP. Zu der Zeit hat sich Krämer schon einen Nachfolger ins Haus geholt: „Snorre von den Sennequellen“.
Ein eigenes Dezernat beschäftigt sich bei der Polizei in NRW mit Zucht, Ankauf und Ausbildung von Diensthunden. Von dort stammt auch „Snorre“, der aber anfangs als Welpe aussortiert wird, weil er auf den ersten Blick nicht die optimalen Veranlagungen für den Polizeidienst zeigt. Aber das ändert sich und so kommt das verkannte Genie im Alter von zehn Monaten zu Berthold Krämer.
„Der Hund lernt wahnsinnig schnell. Er ist ein ruhiger und sachlicher Arbeiter. Man muss sich aber auch seine Veranlagung zu Nutze machen und auf die Eigenarten des Tieres reagieren“, erklärt der Fachmann. Anfangs hat er mit ihm in einem Raum gesessen. In der Hand ein Giftröhrchen. Sobald der Hund von sich aus daran schnuppert, wird er gelobt und mit einem Leckerchen belohnt. Außerdem wird der Vorgang mit dem Geräusch eines Metall-Klickers begleitet. Aufgabe erfüllt heißt Leckerchen, Leckerchen bedeutet „Klick“.
„Mittlerweile weiß er: Wenn ich das Rauschgift finde, dann freut sich mein Herrchen wie verrückt. Also tue ich ihm den Gefallen“, schmunzelt Krämer. Die Reaktionszeit beim Hund beträgt übrigens nur 0,4 Sekunden. In der Zeit muss der Trainer das Tier nach einem exakt ausgeführten Auftrag belohnen. Sonst stellt der Hund keinen Zusammenhang zwischen Kommando und Leckerchen her. Positive Verstärkung nennen das die Fachleute.
Hat „Snorre“ auch nur einen Hauch von Heroin, Ecstasy, Hasch oder Opium erschnüffelt, gibt es zwei unterschiedliche Anzeigeverhalten. Bei der aktiven Variante macht die Spürnase durch Kratzen oder Bellen auf den Fund aufmerksam.
Das kann bei Durchsuchungen in der Wohnung oder in einem Fahrzeug zu massiven Schäden führen. Außerdem ist es nicht ungefährlich, weil der Hund mit dem Gift in Kontakt kommen kann. Krämer: „Daher geht man mittlerweile häufiger einen anderen Weg.“ Und zwar mit dem passiven Anzeigeverhalten. Das ist auch weitaus eindrucksvoller.
Beim Besuch in der Redaktion hat Berthold Krämer ein kleines in Leinen verpacktes Bündel Opium unter einem Stuhl versteckt. Schon das Ritual, als der Hundeführer seinem Kollegen die Halsung abnimmt, signalisiert dem Tier: Gleich geht es los!
Ein „Spür!“ ist das untrügliche Signal für „Snorre“. Er läuft los. Die Nase, die 50-mal besser riechen kann als die eines Menschen, schnuppert und schnuppert. Aufgeregt wedelt der Hund mit seiner Rute, geht von Schreibtisch zu Schreibtisch.
Jeden noch so kleinsten Hauch von Rauschgift würde das Tier jetzt wittern. „Der Stoff könnte selbst in einer Tüte eingeschweißt und zusätzlich in einer Glasflasche verschlossen aufbewahrt werden, der findet ihn“, weiß Berthold Krämer. Dann plötzlich mit der Nase unter dem Bürostuhl friert der Hund in seiner Bewegung ein. Es ist, als ob jemand den Netzstecker gezogen hätte. Kein Mucks, kein Winseln, kein Wedeln. Mit dem „Klicker“ erlöst Berthold Krämer „Snorre“ aus seiner Starre. Ein lobendes Wort und manchmal auch das Lieblingsspielzeug, ein roter Gummischlauch, dann ist der Vierbeiner glücklich.
Einmal im Monat gehen Herrchen und Rauschgiftspürhund zum Training mit anderen Zwei- und Vierbeinern aus Siegen, Olpe und dem HSK. Zweimal im Monat werden die Schutzhund-Aspekte trainiert. Und einmal im Jahr müssen beide ihr Können einer Prüfungskommission beweisen.
Auf offener Straße würde „Snorre“ übrigens nie einen Rauschgiftdealer „anstarren“. Berthold Krämer: „Dafür fehlt dem Hund das ritualisierte Vorspiel mit Halsung abnehmen und das Kommando.“ Vielleicht weiß der Vierbeiner auch ganz einfach, wann Dienstschluss ist.
Seit Januar 2011 ist der belgische Schäferhund „Snorre“ als Polizeidiensthund tätig
Die HSK-Kreispolizeibehörde hat insgesamt drei Diensthundeführer.
„Snorre“ ist zurzeit der einzige Rauschgiftspezialist. Langfristiges Ziel ist es aber, dass alle Hunde die Zusatzqualifikation erwerben.
Bei den Lehrgängen zum Diensthund oder später zum Rauschgiftspürhund müssen die Tiere eine kontinuierliche Leistungssteigerung an den Tag legen. Gibt es bei der Ausbildung Rückschritte, werden die Hunde aus dem Lehrgang herausgenommen.
Der Rauschgiftspürhund kommt nicht an lebenden Personen zum Einsatz. Nach richterlichem Beschluss schnüffelt er z.B. in Wohnungen oder Autos nach Drogen.
Jeder Hundeführer hat eine Spritze oder ein Pfund Salz dabei, um das Tier schnell zum Erbrechen zu bringen, falls es z.B. mit Heroin in Berührung gekommen ist.
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