Den Bomben auf Brilon entronnen
22.01.2010 | 17:29 Uhr 2010-01-22T17:29:00+0100Brilon. Änne Grundhoff, geborene Schönhense, erzählte bei der Mitgliederversammlung des Heimatbundes Semper Idem ihre persönliche Geschichte vom Luftangriff auf die Stadt.
Es war Januar. Blauer Himmel und Sonnenschein kündigten einen herrlichen Wintertag an, unvergesslich in seiner strahlenden Kälte. Es vergaß auch kein Briloner den 10. Januar 1945. An diesem Tag fielen die Bomben auf die Stadt.
Zu Kriegsende 18 Jahre alt
Die Erinnerung soll weitergegeben werden — so lange es noch möglich ist. Deshalb lud der Heimatbund Semper Idem in dieser Woche zu einer besonderen Mitgliederversammlung ein: Änne Grundhoff (geborene Schönhense) erzählte ihre persönliche Geschichte vom Luftangriff. Zu Kriegsende war sie 18 Jahre alt. Rund 140 Zuhörer waren gekommen, um die Erlebnisse der damaligen Schülerin des Gymnasiums Petrinum zu verfolgen:
In der Pension der Schwestern Schnate
Als die Bomben fallen, besucht Änne das Petrinum erst seit einem knappen Jahr. Weil der Weg nach Brilon von ihrem Heimatdorf Düdinghausen am Pön zu umständlich ist, wohnt sie unter der Woche bei den Schwestern Maria und Hedwig Schnate. Die Berlinerinnen betreiben eine Büglerei und beherbergen neben Änne auch noch ihre sechs Mitschüler aus Medebach. Mit im Haus lebt Mira, eine aus Russland Vertriebene. „Wir schlossen diese junge Frau sofort ins Herz”, erzählt Grundhoff.
Brilon zunächst verschont
Zwar fliegen 1944 immer wieder feindliche Jets über die Stadt, Bomben werfen sie aber nur vereinzelt. Das ländliche Brilon bleibt zunächst verschont — es flüchten vielmehr diejenigen hierher, die sich in den häufig angegriffenen Großstädten des Ruhrgebiets nicht mehr sicher fühlen. Zweimal nur zwingt der Fliegeralarm Änne im Dezember aus dem Klassenzimmer in den schützenden Keller. Wirklich ernst nimmt die Gymnasiastin die Sirenen nicht: „Wir vertrieben uns die Zeit mit Doppelkopf und freuten uns sogar über den Unterrichtsausfall.” Erst nach den Weihnachtsferien wird es ernst.
Schönstes Winterwetter
Es ist der erste Schultag im neuen Jahr, das endlich den ersehnten Frieden bringen soll. Bei sonnig kaltem Winterwetter machen sich Änne und ihre Pensionsgefährten auf den Weg zu den „Schnaten Tanten”, wie sie die Pensionswirtinnen nennen. Es gibt Steckrübensuppe. Doch die hungrigen Schüler werden sie nicht mehr aufessen können.
Silberne "Christbäume"
„Plötzlich rief unser Mitschüler Peter lauthals: ,Ein Christbaum!'”, erinnert sich Grundhoff. „Das sind Zielmarkierungen, die Bombenangriffen vorausgehen. Wir sahen entsetzt am blauen Himmel das silbern glänzende Ungeheuer — fast über unserer Pension. Dann hörten wir einen dumpfen Schlag.” Entsetzt hasten Schüler, Wirtinnen und Mira, die Haushaltshilfe, in den Keller. Nur Peter ist aus dem Fenster gesprungen. Was mit ihm geschieht, weiß im Keller niemand. „Alle hatten Angst.”
Das Nachbarhaus ist eingestürzt
Nach einer halben Stunde ist der Angriff vorbei. Die Derkere Straße liegt in Trümmern. „Sirenen heulten, die Feuerwehr rückte an — es war ein wildes Durcheinander.” Auch Peter taucht wieder auf, „sein Gesicht rauchgeschwärzt, Jacke und Hose voll von dickem Staub und Dreck”. Er hat eine tote Frau aus den Trümmern des Nachbarhauses gezogen. Vor der Pension ist nur ein Blindgänger niedergegangen — „das Schicksal meinte es offenbar gut mit uns”.
37 Tote, davon 13 Kinder
Wenn es so etwas gibt wie Schicksal, konnten andere ihm nicht entrinnen: „In der Derkere Straße starben die Tochter eines Orgelbauers und ihr Kind bei dem Angriff. Die Familie war wegen Bombengefahr aus der Großstadt nach Brilon gezogen. Eine Tragödie wie viele in der Zeit.” 37 Menschen kommen an diesem Tag durch die rund 300 Bomben ums Leben. 13 davon sind noch Kinder.
Zu Fuß nach Düdinghausen
Nach dem Angriff weiß Änne nur, dass sie ihre Eltern verständigen muss. Sie ruft eine der zwei Familien Düdinghausens an, die ein Telefon besitzen. Der Vater holt sie schon am darauffolgenden Tag aus der Pension. Die Front rücke immer näher — „mein Vater hörte abends heimlich am Volksempfänger die Feindsender ab”. Änne meldet sich von der Schule ab und läuft mit ihrem Vater die 25 Kilometer von Brilon nach Düdinghausen. So ist es sicherer, denn „Tiefflieger bedrohten immer wieder die Eisenbahnlinien, griffen auch die Zivilbevölkerung an”. Sechs Stunden schleichen Vater und Tochter durch den Wald und an schützenden Hecken entlang, bis sie das Heimatdorf erreichen.
Jähes Ende der Schulzeit
Es ist das letzte Mal, dass Änne vom Gymnasium nach Hause kommt: „Nach dem Angriff bin ich nicht mehr zur Schule gegangen.” Stattdessen hilft sie auf dem Hof und im Haushalt. Fern der gefährdeten Städte erlebt Änne das Ende des Krieges.
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