Demografie-Werkstatt in Brilon gestartet

Bei der Demografiewerkstatt (v.l.) Dirk Wiese, Petra Crone, Professor Dr. Gerhard Naegele und Heinrich Nolte
Bei der Demografiewerkstatt (v.l.) Dirk Wiese, Petra Crone, Professor Dr. Gerhard Naegele und Heinrich Nolte
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Wir werden älter und weniger - der Wandel der Gesellschaft wurde in der Demografie-Werkstatt in Brilon diskutiert.

Brilon..  Die Menschen in Deutschland werden immer älter und die Geburtenrate sinkt kontinuierlich. Bund, Länder und Kommunen stehen vor großen Herausforderungen. Zu diesem Thema luden Dirk Wiese, heimischer Bundestagsabgeordneter (SPD), und Petra Crone, MdB aus dem Kreis Olpe und Leiterin der „Arbeitsgemeinschaft Demografie“ der Fraktion der SPD, im katholischen Pfarrzentrum in Brilon zur Diskussion ein.

Den rund 50 Gästen erläuterte Professor Dr. Gerhard Naegele von der TU Dortmund die aktuelle Lage: „Seit Jahrzehnten wird die Bevölkerung älter, zugleich schrumpft sie. Das wird dauerhaft anhalten.“ Insbesondere die niedrige Geburtenrate und die steigende Lebenserwartung seien die Gründe dafür. Rund 30 Prozent aller Haushalte haben einen Haushaltsvorstand von über 65 Jahren. „Alter(n) wird zur individuellen und gesellschaftlichen Gestaltungsaufgabe.“ Denn Altern bedeute für immer mehr Menschen freie, aktive, gesunde Zeit.

„Der Altenquotient in Brilon wird von 35 im Jahre 2012 auf voraussichtlich 57 im Jahre 2030 steigen“, so Petra Crone. Das bedeutet, dass der Anteil der Menschen im Rentenalter auch in Brilon im Verhältnis zu den Personen im erwerbsfähigen Alter steigen wird. Die Bevölkerung werde auch „bunter“ hinsichtlich ihrer Herkunft und den sich verändernden Lebensweisen, Familienformen und Rollenmuster. Crone: „Der demografische Wandel ist gestaltbar, er fordert uns heraus, aber er bietet auch Chancen.“

Positive Effekte

Prof. Dr. Naegele stellte die positiven Effekte des demografischen Wandels als auch die Herausforderungen des Alterns dar: „Die Menschen ordnen sich erst mit 80, 85 Jahren der Gruppe ‘alt’ zu und fühlen sich ca. zehn Jahre jünger als sie sind.“ Berufsbezogene Erfahrungen, Verbesserungen des Gesundheitszustandes und ein steigender Bildungsgrad erhöhen das Mitwirkungspotenzial. Auch sei eine steigende Bereitschaft für ehrenamtliche Tätigkeiten feststellbar.

Tatsache sei aber auch, dass Hilfe- und Pflegebedürfnisse bei einem Trend zur selbst­ständigen Lebensführung zunehmen werden. Professionelle Kräfte fehlen, der Druck auf die Generationenverhältnisse steige und das gesundheitliche und pflegerische Versorgungssystem stehe vor neuen Herausforderungen. Auch die neue Alterssicherungspolitik sorge für neue Herausforderungen. Das Ziel der Rentenversicherung sei nicht mehr die Sicherung im Alter, sondern die Beitragsstabilität.

Vor diesem Hintergrund müsse die Gestaltungskraft der Kommunen gestärkt werden, so Crone. Sie sprach sich dafür aus, auf kommunaler Ebene einen Arbeitskreis Demografie zu gründen, wie er im Märkischen Kreis bereits gewinnbringend umgesetzt wird. Ein Austausch der Kommunen untereinander führe zu gegenseitigem Nutzen.

Im Anschluss an die Überlegungen aus Wissenschaft und Praxis leitete Michael Klaucke, VHS-Leiter Brilon-Marsberg-Olsberg und Moderator der Veranstaltung, die Diskussion ein. Dabei ging es u.a. um die Sicherstellung der medizinischen Versorgung und der Mobilität auf dem Land.

Die Experten zeigten viele Möglichkeiten auf, wie die Sicherstellung der Ärzte auf dem Land gewährleistet werden kann. Heinrich Nolte, Geschäftsführer der LEADER-Region Hochsauerland,erläuterte die Chancen der Telemedizin und betonte die Bedeutung der Kooperationen mit Nachbarkreisen. Aber: „Ideen gibt es genug, die Verwaltungen sind kreativ. Es hakt meist an der Zusammenarbeit auf den Ebenen Bund – Länder – Kommunen“, so Nolte. Im Kreis Soest konnte z.B. das Projekt „mobil4you“ nur in Teilbereichen durchgeführt werden, weil nicht genügend Gelder bereitgestellt wurden.

Arbeit für Migranten

Auch die Frage, ob Einwanderer den demografischen Wandel aufhalten können, kam in der Diskussion auf. Mehrere fachkundige Teilnehmer sprachen sich dafür aus, dass die Migranten, die arbeiten wollen, auch arbeiten dürfen. Derzeit gäbe es bereits Diskussionen mit dem Koalitionspartner zu einem Einwanderungsgesetz, so Crone. Es sei allerdings eine Illusion zu glauben, mit Migranten das Problem des demografischen Wandels lösen zu können, stellte Nolte klar.

Dirk Wiese betonte die Wichtigkeit der überkommunalen Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden und die Chancen des Wandels. „Die heutige Veranstaltung war eine Auftaktveranstaltung, um gute Ideen zu vernetzen. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden.“