Das Schweigen der flauschigen Wolleproppen

Bis zu 30 Lämmer kommen derzeit jeden Tag auf dem Franziskushof auf die Welt.
Bis zu 30 Lämmer kommen derzeit jeden Tag auf dem Franziskushof auf die Welt.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Bis zu 30 Lämmer am Tag erblicken zurzeit im Franziskushof des Josefsheims das Licht der Welt. Die WP war zu Gast im Stall.

Bigge..  Das Schweigen der Lämmer. Es ist in der Tat erstaunlich ruhig auf dem Franziskushof. Und das, obwohl dort 1400 Schafe in den Ställen um die Wette bibbern. Ein scha(r)fer Wind fegt durch die Bretter-Ritzen, und vermutlich träumt so manches Tier noch von seiner dicken Wolle. Aber die ist ab. Im Mai geht es schließlich raus. Bevor jedoch die vierbeinigen Landschaftspfleger wieder auf Achse sind, hatte die dreiköpfige Scher-Schar schon Groß-Einsatz. Daher tragen die Tiere jetzt modische Kurzhaarfrisur. Brrrrrr!

Vom Bräter verschont

Allein 650 Heidschnuckenlämmer warten zurzeit auf besseres Wetter. Dabei haben die wolligen Rasenmäher großes Glück. Denn sie werden Ostern nicht als Kotelette enden. Von wegen „Letztes Blöken vor dem Bräter“. Für die Lämmer in Bigge gilt die Gunst der späten Geburt. „Weil wir noch bis Mitte Dezember auf den Hochheideflächen unterwegs waren, kommen zum Beispiel die Jungtiere der Heidschnucken bei uns erst viel später auf die Welt. Also Ende Februar, März oder April“, erklärt Schäfer Axel Erhardt. Das bedeutet zurzeit mitunter 30 Geburten am Tag. Oft muss der 50-Jährige, der im siebten Jahr in Bigge arbeitet, als männ­liche Hebamme dabei sein oder Nachsorge betreiben und die Wolleproppen von Hand aufziehen: Fläschchengeben fünfmal am Tag. Määhhh!

Alle Männer jetzt mal weghören: Aber der Großteil der Bock-Lämmer kommt „an den Haken“, wie der Fachmann wenig prosaisch sagt - also auf die Schlachtbank. Nur 50, 60 Stück werden dabei vor Ort vermarktet. Ob’s kaum einer rund um Bigge weiß, oder ob es nur wenige mögen: Jedenfalls nutzen viel zu wenig Kunden das Fleisch-Angebot aus dem zertifizierten Bio-Betrieb. Allerdings ist zu beachten, dass so ein Böckchen erst zwischen seinem vierten und siebten Lebensmonat das Wetzen des Messers fürchten muss. „Und mehr als 18 Kilo darf es dabei nicht auf die Waage bringen. Sonst geht der Preis in den Keller“, sagt Axel Erhardt. Er kennt fast jedes seiner Tiere und hat auch eine enge Beziehung zu ihnen. Trotzdem weiß er: „Wir können nicht alle Lämmer behalten. Das Ganze muss irgendwie wirtschaftlich bleiben: Die Tiere hatten es gut. Sieht man die Qualität des Fleisches und genießt man den Braten, dann ist das doch auch eine Wertschätzung des Lebewesens“, sagt er. Brutzel, brutzel!

Apropos Wert: Wer glaubt, dass mit der Schäferei das große Geld zu machen sei, wird ganz schön belämmert gucken. Für das Grasen und damit für die Pflege der Heideflächen wird die blökende Mäh-Mannschaft zwar aus der Landschaftspflege entlohnt. Aber die Unkosten sind hoch. Und: „Beim Fleischpreis hat sich eigentlich in den vergangenen 30 Jahren zum Positiven hin nichts getan. 4,80 Euro pro Kilo für das geschlachtete Lamm – mehr gibt es nicht“, bedauert Axel Erhardt. Schnief!

Noch schlechter ist es um die Wolle bestellt. Der „Schaffriseur“ bekommt 2,50 Euro pro Rasur und schafft 120 Facon-Schnitte am Tag. Für das Kilo Wolle zahlt der Händler 20 Cent. Und selbst wenn eine Heidschnucke zwei Kilo Pelz auf dem Buckel hat, ist schon der Besuch des Coiffeurs ein Zuschussgeschäft. „Wir verschenken die Wolle sogar. Aber sie muss runter, sonst verfilzen die Tiere und die Wollflocken fliegen überall herum.“ Wusch!

Landschaftsschutz

Von der Kernbotschaft des Osterfestes – Leben, Sterben und Auferstehung – spielen sich zumindest die ersten beiden Parameter auch im Schafstall ab. Vielleicht auch der dritte, denn zumindest gilt das Osterlamm ja als Symbol der Auferstehung. Das Otto-Normal-Schaf hat eine Lebenserwartung von acht Jahren, manche werden auch zwölf. Aber neben den kleinen Lämmern muss in der Herde immer wieder aussortiert werden.

120 „Jährlinge“ behält Schäfer Erhardt pro Jahr in seinem Woll-Team. 70 alte Tiere treten aber auch den gleichen Weg wie die männlichen Lämmer an. Keine schöne Vorstellung. Aber: Nur wenn die Schäfer auch Fleisch verkaufen können, lohnt sich die Schafhaltung. Nur dann ist auch der Landschaftsschutz garantiert. Zumindest ein kleiner Trost! Aber es ist ja Ostern und das verschweigen wir den Lämmern, woll?!

Hintergrund:

Der Franziskushof ist die landwirtschaftliche Außenstelle des Josefsheims. Im Rahmen der Werkstatt für behinderte Menschen haben hier Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz gefunden. Auf dem Hof gibt es Kühe, Schweine, Pferde, Ziegen, Heidschnucken und Kleintiere. Die Heidschnuckenherde bewirtschaftet verschiedene Hochheideflächen in der Region, zum Beispiel am Kahlen Asten oder am Ettelsberg bei Willingen.