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Bombastische Musik von zarten Charakteren

17.10.2012 | 18:17 Uhr
Bombastische Musik von zarten Charakteren
Hans-Georg Klemm hat ein neues Buch über drei berühmte Musiker geschreiben.Foto: Thomas Winterberg

Silbach. Was haben Beethoven, Wagner und Mahler gemeinsam? Auf den ersten Blick natürlich die Musik. Ihre Werke sind zeitlos und werden heute noch weltweit gespielt. Aber die drei Komponisten teilten ein gemeinsames Schicksal. War es Fluch und Segen zugleich? War es die Triebfeder für ihre Genialität? Sie waren hochsensibel. Zu diesem Schluss kommt der Autor Hans-Georg Klemm in seinem zweiten Buch „Beethoven, Wagner, Mahler - genial und hochsensibel“.

Der 47-jährige Autor ist seit drei Jahren Lehrer für Deutsch und Englisch am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Winterberg. Er hat weder Musik studiert, noch spielt er selbst ein Instrument. Aber über seinen Vater entdeckte er schon früh die Liebe zur Welt der klassischen Klänge. Nachdem er 2011 in seinem ersten Buch Beethoven und dessen Hochsensibilität in den Focus gerückt hatte, widmet er sich der Thematik noch einmal. „Als ich das Beethoven-Buch schrieb, bin ich auf zahlreiche Gemeinsamkeiten mit Wagner und Mahler gestoßen. Mein neues Buch ist keine Biografie, es ist eine Persönlichkeitsstudie“, sagt Klemm, der aus Holzwickede stammt und in Silbach lebt. In seiner Freizeit legt er daheim klassische Musik auf, schreibt und liest viel Literatur über große Musiker.

Tyrannisch, launenhaft, hochmütig, gewalttätig und egoistisch – diese Attribute werden den drei Komponisten gleichermaßen zugeschrieben. Klemm: „Aber ihre liebenswerten Seiten sind den meisten verborgen geblieben: ihr mitunter kindlich naiver Humor, ihre innige Naturverbundenheit, ihr Mitleiden mit Menschen, Tieren und Pflanzen - das waren ungemein empfindsame Charaktere .“ Anschaulich führt der Autor Beispiele dafür an.

Der große Hundefreund Richard Wagner soll einmal versehentlich einen Zweig an einem Baum abgeknickt und daraufhin versucht haben, ihn mit Verbandszeug wieder zu flicken. Gustav Mahler sei behutsam durch Wälder gestreift, nur um keinen Pilz zu zertreten. Und alle Drei seien von einer inneren Unruhe getrieben gewesen. Zigmal sind sie umgezogen, weil sie auf der Flucht waren vor Lärm und unangenehmen Gerüchen. Sie unterlagen großen Stimmungsschwankungen und litten unter ihren gemeinsamen Wesenszügen, die sich auch in vergleichbaren körperlichen Erkrankungen (Haut, Verdauungsorgane) widerspiegelten.

„Die drei Genies“, sagt Klemm, „besaßen ein besonderes Wesen, das in der Psychologie erst in jüngster Zeit in den Blickpunkt geraten ist: Die Erforschung dieser Hochsensibilität – nicht zu verwechseln mit einer Überempfindlichkeit - stecke noch in den Kinderschuhen. In den USA hat hier vor allem die amerikanische Professorin und Psychotherapeutin Elaine Aron Pionierarbeit geleistet. Hochsensibilität ist demnach vermutlich vererbbar und zeichne sich durch eine erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit aus. Für den Autor ist es unverständlich, dass bislang kein Biograph den Versuch unternommen hat, diesen „psychologischen Schlüssel“ zum besseren Verständnis einer historischen Persönlichkeit anzusetzen.

Mit viel Liebe und voller Hochachtung hat Hans-Georg Klemm die Komponisten von ihrem künstlerischen Sockel genommen und sie auf das Menschliche heruntergebrochen. Die Idee zu einer Wagner--Biografie ist schon viel älter. Aber beim ersten Anlauf lehnte der Verlag ab. Weil sich aber im kommenden Jahr Wagners 200. Geburtstag jährt, wurde das Thema doch noch einmal aktuell. Für das kommende Frühjahr hat der Verlag, bei dem sein Buch erschienen ist, Klemm zu einem Vortrag nach Darmstadt eingeladen. Inmitten einer Reihe von Professoren und Hochschullehrern wird dann der Autor aus Silbach sein Buch und seine Thesen vorstellen. Und vielleicht klappt es ja auch mal mit dem grünen Hügel. Denn bislang war er noch nie bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth.

Thomas Winterberg



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